Waldemar Müller bestellte sich einen Thüringer Obstkuchen. Ich spürte, wie sehr er an die Blaubeeren, Kirschen und Pflaumen, an die mit Rosinen und Rum gekrönte Creme aus Eigelb und Sahne dachte ... "Haben wir nicht", beschied ihn die Bedienung. Mürrisch nahm er einen Kaffee.

Bier verabscheute er, seit er – vielleicht die folgenschwerste Episode seines Lebens – als Angestellter der Frankfurter Werbeagentur McKay & Lennhardt die "Rheingold"-Krise ausgelöst hatte, die weltweit Schlagzeilen machte. Der japanische MegaMinushi-Konzern, spezialisiert eigentlich auf Fahrzeuge, Kameras und Hi-Fi-Geräte, hatte, um sich zu diversifizieren, Weinpulver auf den westdeutschen Markt bringen wollen. In Wasser aufgelöst, ergab es eine bräunliche Flüssigkeit, die man permanent umrühren mußte, damit sie sich nicht wie ein trüber Joghurt auf dem Boden des Glases niederschlug. Müller war verzweifelt: Selbst als "Goldener September" wäre der Instantwein kaum zu verkaufen gewesen. Sein Freund Willi Hohnemeyer, ein Kölscher Karnevalist alter Schule, brachte ihn auf die Idee, das Pulver mit Bier zu vermengen. Was dabei herauskam, war ein Wunder. Die Flüssigkeit war nicht mehr braun, nicht mehr trüb, sie glänzte. Sie sah wie pures Gold aus: "Rheingold" war geboren.

Erst Wochen nach der erfolgreichen Einführung in Japan stellte sich heraus, daß der "himmlische Geschmack" (McKay & Lennhardt) in einen "bestialischen Gestank" (Asahi Shimbun) des Konsumenten umschlug. Das Getränk wurde verboten. Der zwölfköpfige Mega-Minushi-Vorstand übernahm in einem kollektiven Harakiri die Verantwortung; Müllers Werbekarriere war jäh beendet.

Als ob er meine Gedanken erraten hätte, blickte Waldemar Müller von seinem Kaffee auf. "Mein Leben ist abwechslungsreich gewesen, aber es bestand nur aus Rückschlägen."

Er schnippte das Papier seiner Zuckerwürfel in den Aschenbecher.

"Auch meine sogenannte Flucht aus Thüringen damals, mit dem Heißluftballon bei Saalfeld über die DDR-Grenze... Es war Nacht, ich kam zufällig vorbei, sah den Ballon, der sich losgerissen hatte, wollte ihn festhalten, damit er nicht wegweht, und das Ding reißt mich mit."

Über Stacheldraht und Minen hatte es ihn hingetragen, die Schüsse der Grenztruppen verfehlten ihn knapp. Als er landete, hatten seine Hilfeschreie schon viele Neugierige zusammengerufen. "Willkommen im freien Teil Deutschlands", skandierten sie. "Es ist alles ein Irrtum", erwiderte er – vergeblich.