Immer noch Goldgräberstimmung oder schön Torschlußpanik? Eine wahre Flut von Neugründungen jedenfalls schüttelte im abgelaufenen Jahr den bundesdeutschen Medienmarkt. Und das ausgerechnet während einer schweren Wirtschaftskrise: Die Lesekundschaft hielt ihr Bares fester in der Tasche, und die Wirtschaft knauserte mit den Werbemillionen.

Zwei Sieger gab es dennoch: Helmut Thoma, der seinen Sender RTL im zehnten Jahr nach dem Start des Privatfernsehens sowohl bei den Zuschauermarktanteilen wie auch bei den Werbeeinnahmen an die Spitze der Bundesliga führte (und das ohne Bundesligafußball), und Helmut Markwort, der das neue Produkt des Burda-Verlags, die Wochenpostille Focus, vom Start im Januar weg in vielbeachtete Höhen führte.

Die passenden Verlierer im Spiel gab es auch. So ließ RTL nicht nur seinen privaten Konkurrenten Sat 1 (mit Bundesligafußball) deutlich hinter sich, auch die öffentlichrechtlichen Anstalten ARD und ZDF hatten das Nachsehen. Die Marktanteile im November: RTL 20,1 Prozent; ZDF 17,1, ARD 15,8 und Sat 1 nur 14,9 Prozent.

Helmut Markworts Erfolg ist anderen nicht so direkt in die Parade gefahren. Zwar hat das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel nun jeden Monat am Kiosk einen neben sich, doch der Auflagenrückgang von 40 000 Exemplaren im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahr ist wohl ebensowenig wie die Anzeigeneinbuße von gut zwölf Prozent ausschließlich Focus zuzurechnen. Das neue Burda-Blatt konnte vielmehr eine neue Leserschaft rekrutieren. "Nach der Fernsehgeneration", so erklärt Verleger’ Hubert Burda den Erfolg, "haben wir es jetzt mit der Computergeneration zu tun."

Derartige Erfolge beleben die Sinne der Konkurrenz. Doch nicht jedes neue Blatt, nicht jeder neue Flimmerkanal findet sein Publikum. Wer von den vielen Neulingen des Jahres 1993 auf ein längeres Leben hoffen darf, dürfte sich erst im kommenden Jahr abzeichnen.

Neben Focus gingen noch zwei weitere Wochentitel ins Rennen: Die Wochenpost (Auflage: 108000) aus dem zu Gruner + Jahr gehörenden Berliner Verlag startete Anfang 1993 den Versuch, neben dem angestammten ostdeutschen Terrain auch noch die Westrepublik zu erobern – erreichte aber mit rund 20 000 Exemplaren nur ein bescheidenes Ergebnis. Über Erfolg oder Mißerfolg des zweiten Versuchs darf noch gemutmaßt werden: Manfred Bissingers Woche aus dem Hoffmann & Campe-Verlag, die seit Februar wie die ZEIT am Donnerstag erscheint, kommt nach Branchenschätzungen über eine verkaufte Auflage von 50 000 bisher nicht hinaus (ZEIT 493 000 im dritten Quartal) – was freilich von den Machern dementiert wird. Aufschluß muß da die erste offizielle Auflagenmeldung nach dem ersten Quartal 1994 bringen.

Stunde für Stunde, Tag für Tag entscheidet dagegen im Fernsehen die Einschaltquote über Wohl und Wehe der Macher – und das mit allen Konsequenzen. Die Mitarbeiter des im Januar gestarteten Ereignisfernsehens Vox können ein Lied davon singen. Hundert von 365 Mitarbeitern müssen gehen, 95 weitere werden an das ausgegliederte Sendezentrum Köln weitergegeben. Der ambitionierte Nachrichten- und Magazinkanal wird weitgehend zum Serien- und Abspielsender herabgestuft – die letzte Chance angesichts eines unter zwei Prozent dümpelnden Marktanteils?