Wissenschaft ohne Kommunikation ist undenkbar. Denn jedes Forschungsergebnis, das unbekannt und ungeprüft bleibt, ist wertlos. Früher wurden neue wissenschaftliche Resultate in Zeitschriften und Büchern veröffentlicht. Der mündliche Austausch auf Kongressen war eher selten – hierzu mußte man reisen, und das war sehr mühselig. So hat Kant Königsberg nie verlassen, um an einem Kongreß der Philosophen teilzunehmen.

Im Zeitalter des Düsenflugzeugs hingegen ist jeder Kongreßfleck der Erde in weniger als zwei Tagen zu erreichen. Kein Ort ist entlegen genug, um einer wissenschaftlichen Tagung zu entgehen. Zwischen Nordkap und Kapstadt, Hudson Bay und Antarktis, zwischen den Inseln der Südsee und Katmandu – jedes bestuhlte Nest war schon Ziel wissenschaftlicher Tagungen. Der Erfindungsreichtum beim Suchen eines neuen Kongreßortes kennt keine Grenzen.

Manche Meister unter den Wissenschaftlern schaffen es leicht, monatlich an mehreren Kongressen teilzunehmen. Klar begünstigt sind die intermultidisziplinären Forscher. Da sie sich simultan auf vielen Fachgebieten für Experten halten, können sie sich mit dem notwendigen Selbstbewußtsein richtig auf Kongressen tummeln.

Dabei könnte man mit Fug und Recht annehmen, daß mit dem raschen technischen Fortschritt der Kommunikationsmittel die Zahl der Kongresse abnähme. Noch vor dreißig Jahren war ein interkontinentales Telephongespräch ein Luxus. Heute kann man kurz seinen US-Kollegen anrufen, um ihm die letzte Neuigkeit mitzuteilen, oder noch besser: Man schickt ihm ein Fax. Aber die Flut der Faxe wirkt keineswegs kongreßmindernd, im Gegenteil, sie stimuliert das nächste Treffen.

Fanden früher nur während der Sommerferien Kongresse statt, reicht jetzt das ganze Jahr kaum aus, um das Kommunikationsbedürfnis der Wissenschaftler zu befriedigen.

Da fragt man sich, wann finden kongreßwütige Wissenschaftler überhaupt noch Zeit, um etwas Mitteilenswertes zu erforschen? Kein Problem. Schön mit einer kleinen Mitteilung lassen sich gleich mehrere Kongresse bestreiten: Man muß nur den Titel ändern und den Text etwas variieren. Profis frisieren im Flugzeug schnell das nächste Papier zurecht. Folgerichtig sind die Kongresse sehr beliebt, bei denen kein fertiges Manuskript verlangt wird. Wozu gibt es denn Tonbänder, die alles getreulich aufnehmen? Mißlich ist nur, daß man hinterher noch das redigieren muß, was man extemporiert hat.

Kongresse haben ihre Eigendynamik: Zunächst war nur eine einmalige Veranstaltung geplant. Doch die erschien so erfolgreich, daß unbedingt eine Wiederholung geplant werden mußte. So wird jeweils vor Abschluß eines Kongresses der nächste geplant, und damit beginnt das Unheil. Denn von nun an ist auch für eine ausgewogene globale Verteilung der Tagungsorte zu sorgen: einmal in Nordamerika, dann in Europa, dann in Japan, Afrika, Australien und so weiter. Niemand kann das mehr stoppen.