Von Ben Witter

Ernie altert so vor sich hin, und das jetzt auch noch mit Brille. Als er keine brauchte, war auf nichts mehr Verlaß als auf seine Augen. In Abständen hat er über vierzehn Jahre abgemacht, ist auch schon einmal zusammen mit Schicksalsgenossen in dieser Zeitung erschienen, und zwar unter dem Titel der Serie "Knast". Über zwanzig Jahre ist das her, und Ernie meint, daß der Titel auch in den besseren Kreisen eingeschlagen hätte. "Knast" sagt doch heute jeder. Als Ernie das erstemal reinging, ging man noch in den "Bau", dann war es der Knast, beides halbe-halbe. Wer dann länger bleiben mußte, war ein Knastologe, und der wußte genau, was da ewig "am Bach ist".

"Ganovenehre", Ernie steckt sich einen Schmergel an, ohne Zigarette hält er keine Pause durch, "das ist doch Schnee von gestern." Aber auf der Rennbahn hat ihm ein Tipser "Aizes" gegeben; das soll ein Filmtitel aus den zwanziger Jahren gewesen sein, mit dem man draußen weiter rumgemacht hat. Bis an die Fingerspitzen saugt Ernie an seinem Schmergel. Für ihn ist Ganove, wenn man denn so will, immer noch eine Art Ehrentitel, und er macht sich grade: "Ganoven, das waren Leute vom Fach mit Ansprüchen, die hatten im Schnitt eine gewisse Klasse." Drei Geldschränke hat Ernie "gemacht". Und die laufenden Brüche? An die vierzig. Dabei ging es auch mal die Fassaden hoch, doch auf Klettern hat er bald nicht mehr gepapt; danach ging es die Treppen rauf, oder er kam aus dem Keller nach oben.

Und jedesmal strampelte er sich mit dem Bruchwerkzeug ab, die Taschenlampe war das dritte Auge, und im Ausbaldowern ist er einsame Spitze gewesen. Falls es mit den Schlössern nicht lief, mußte die Elle ran, das Brecheisen. Trotzdem: Millimeterarbeit bis zum Gehtnichtmehr. Und von wegen Ganovenehre, Ernie kommt auf den Punkt zurück: Kindermörder oder Lustmörder, die damals mit dem Hackebeil auf Arbeit gingen, hatten einen miesen Ausguck im Knast, sogar die Schließer sahen zu, wenn einer alle gemacht wurde. Damals ging alles nach Branchen, den besten Schemm, also den besten Ruf, hatten Schränker und die Abkocher in Maßanzügen. Und die Internationalen. Das waren auch die Taschendiebe, eben die mit Kopf, und alle, die was auf sich hielten und "einer für zwei" machten, nämlich ohne zu singen für ihren Komplicen den Knast abmachten. Ganz hinten dibberten die Loddel, diese dickschwänzigen Feierabendficker mit dem ewigen Muffensausen. Und wer nie ein richtiger Ganove wurde, nur immer nahe dran war, der blieb ein Ganeff, ein Leben lang.

Einen Pauker hat Ernie ja auch gehabt. Der war zu ihm wie ein Vater und zeigte, wo es längs ging. Das war ein ganz Guter, ein Großer und auch ein Stiller. Ihm verdankt Ernie seine "Handschrift", denn wo auch immer er "auf Arbeit" war, für die Schmiere deuteten die Spuren, die er hinterlassen mußte, auf Ernie. Einmal hat er beim Taillachen, beim Weglaufen, auf Putz rückwärts losgeballert; ein Schmiermichel, also ein Polizist, kam dadurch ins Schleudern, vor Schreck. Das hätte Ernie sich doch sparen können, denn seitdem hieß es ständig: "Der Gesuchte ist bewaffnet." Ernies Pauker ging in Sicherheitsverwahrung und machte da selber aus, sprang in die Kiste... Und wenn Ernie nicht mal mehr eine Mark raustun konnte, ganz mause war, schaltete er Millionen-Richard ein. Der zockte und hehlte auf allen Rennbahnen, und Ernie durfte manchmal zusehen, wie eine Sore weltweit an den Mann ging.

Wenn Ernie auf Tour war, hatte er auf Frauen gar keine Möge. War er aber gefüllt, tat er fleißig raus, und hoch die Tassen. Und das Lobi, das Geld, wirbelte auf die Ische. Auf Puffs läßt Ernie nichts kommen, da hat man ihn schon öfter vor der Schmiere vergraben. Ganovenehre, Ganoven überhaupt, und die Ganovensprache – Ernie redet, als ob es die noch gäbe. Ist er nicht auch einer der Großen gewesen, wenigstens zuletzt? Das möchte er hören.

Und nun? In Gedanken macht er immer wieder los, wo er auch geht und steht, sahnt mit den Augen ab, die kneisten in offene Fensterklappen, kappen, was sie kriegen können, und wissen, wo sie aufgerufen sind.