Von Viola Roggenkamp

"Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar Nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie."

(Marschallin, 1. Akt "Der Rosenkavalier" von Hugo von Hofmannsthal)

Herr O...! – Vorbei. Weg ist er. Der Moment reichte nicht, das Wort auszusprechen. Herr Ober. Der Mann hat keine Zeit. Er hat zu tun. Er muß erst noch hierhin und dorthin. Aber Sie haben doch Zeit? Enttäuschen Sie mich nicht. Denn hier, auf dieser Seite der Zeitung, soll etwas über die Zeit stehen. Über die Zeit, die verstreicht, die Sie zwingt und treibt, die Sie totschlagen und die reift und kommt. "Ihre Zeit war gekommen" und "alles zu seiner Zeit". Das wäre die Zeit im Geschlechterdiskurs. Ein dauerhaftes Thema; zeitlebens. Doch es soll etwas Kurzweiliges sein. Ihnen, liebe Leser, soll ein wenig die Zeit vertrieben werden. Eigentlich eine Frechheit. Es ist schließlich Ihre Zeit. Sie könnten Sie sinnvoller verbringen, noch schlimmer – nützlicher.

Doch weder noch: Amüsieren Sie sich statt dessen darüber, wie Zeitgenossen (Sie und ich natürlich ausgenommen) die eigene Lebenszeit von Jahr zu Jahr aufs neue verplanen und vermanagen. Regelmäßig wiederkehrende Termine, Konferenzen, der Abonnementsabend im Theater, Urlaub, Arbeitsessen, Weiterbildungsprogramme, der wöchentliche Gymnastikkurs und Erbtante Hildegards Fünfundsiebzigster sind im Personal Digital Assistant oder im Notizbuch für 1994 bereits eingetragen. Muß und Muße. Dazu die täglichen Arbeitszeiten – gleitend, Teilzeit, Kurzarbeit, Umschulung, arbeitslos, Wochenende. Das neue Jahr, was kann es schon Neues bringen? Und dennoch klopft allen am 31. Dezember um Mitternacht erwartungsvoll das Herz.

Nicht so übrigens den Chinesen. Denen klopft das Herz gerade dann, wenn auf Ihrem Kalender die Zeit irgendwo zwischen Januar und Februar dahinschleicht. Dann ist Chinese New Year. Nach dem jüdischen Kalender schreiben wir bereits seit drei Monaten das Jahr 5754. Die Aufregung um die Wende ins zweite Jahrtausend könnten Sie danach vergessen. Das Jahr 2000 war genau vor 3754 Jahren. Den Neujahrsball haben Sie verpaßt. Die elegante Frau trug eine kurzärmelige Jacke, knielangen Rock aus Schnüren gebunden und über der Stirn kurzgeschnittenes Haar. Typisch europäische Bronzezeit.

Um über die Zeit nachzudenken, bin ich ins Café geflüchtet, unter Menschen. Allein zu sein mit diesem Thema ist nämlich gar nicht auszuhalten. Die Zeit ist alles. Zum Beispiel: Jetzt! – Und das war’s. Unwiederbringlich. Es geht um... Herr Ober! – Wir warten aber schon so lange! Unerhört. Na, er kommt gleich. Es geht um Leben und Tod. Ja, das wollte ich sagen. Und weil wir darüber reden können, ohne es zu begreifen, können wir darüber reden. Doch ich merke schon, Sie wollen weg. Es wird Ihnen zu vergänglich. Stimmt’s? Ich weiß, was Sie wollen. – Wir wollen zwei Milchkaffee, Herr Ober. – Na, also. Sie wollen Zeit gewinnen, habe ich recht? Auf Sie haben die hochkarätigen Fachreferenten und Experten der Ökonomie, Soziologie und Öko-Sozio-Psychologie gewartet.