Von Bernd Loppow

Gran Canaria ausgebucht", titelte Bild in trüben Endnovembertagen. Je düsterer die Lage der Wirtschaft, um so mehr Deutsche treten die "Flucht an die Playa" (stern) an. Die Stimmung in den Chefetagen der Reiseindustrie ist derzeit gut wie nie. Die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, sinkende Einkommen und steigende Arbeitslosigkeit konnten der organisierten Urlaubslust der Deutschen nichts anhaben. Sie reisten auch 1993 wieder – als würden sie dafür bezahlt.

Nicht nur bei den Branchengrößen NUR (sieben Prozent mehr Umsatz), TUI (plus sechs Prozent) oder den Veranstaltern der Fluggesellschaft LTU (plus sechzehn Prozent) knallten die Champagnerkorken. Zugelegt haben im abgelaufenen Jahr fast alle Reiseunternehmen. Einer Untersuchung der Fachzeitschrift FVW International zufolge haben 49 Reiseveranstalter, die den größten Teil des Marktes repräsentieren, im Schnitt über fünfeinhalb Prozent mehr Pauschalarrangements verkauft als im bisherigen Rekordjahr 1992.

Die Bundesbürger gingen beim Urlaub 93 noch mal richtig in die vollen. Nach einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Marplan sparte nur jeder sechste bei der Urlaubsplanung, jeder siebte gab sogar mehr aus als im Jahr zuvor. Im Ausland saß den Deutschen das Geld besonders locker. Fast fünfzig Milliarden Mark, So berichtet die Bundesbank, legten sie von Januar bis September dieses Jahres für ihr Urlaubsglück an, 6,3 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum.

Ein Ende des scheinbar immerwährenden Pauschalreisebooms ist nicht in Sicht. Das laufende Wintergeschäft übertrifft sogar die Rekordverkäufe des Sommers. Bereits Mitte November hatte die TUI zwei Drittel ihres Katalogprogramms verkauft. Für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr war schon seit Wochen fast nirgends mehr ein freies Bett zu bekommen. Und die Branche plant weiterhin auf Zuwachs: Für den Sommer 1994 wurden abermals mehr Betten in den Urlaubsländern eingekauft. Nur ein Beispiel für die ungebrochene Reisewut: Am 3. Dezember buchten allein bei den Veranstaltern der LTU-Gruppe (Meier’s Weltreisen, Jahnreisen, Tjaereborg, Transair, THR) 70 000 Kunden Reisen im Wert von mehr als siebzig Millionen Mark.

Erklärungsversuche gibt es viele: Die einen sehen im unverminderten Nachholbedarf der Ostdeutschen den Grund für den anhaltenden Reisetrend. Fest steht: Buchungszuwächse melden die Anbieter fast ausschließlich aus dem Gebiet der früheren DDR. Ohne die Ostler, die über vierzig Prozent mehr Pauschalreisen buchten als im Vorjahr, hätte sich die Branche mit einer Nullrunde begnügen müssen.

TUI-Touristikvorstand Jürgen Fischer meint: "Der Bedarf an Ersatzbeschaffungen in der Auto- oder Unterhaltungselektronik-Industrie ist derzeit gering", die Urlaubsreise allerdings stehe auf der Bedürfnisskala weiterhin "ganz oben". Der oberste Neckermann-Verkäufer, NUR-Geschäftsführer Wolfgang Beeser, glaubt an einen Frusteffekt: "Die Leute haben die Nase voll von den schlechten Nachrichten und wollen einfach mal raus!"