amerikanische Architekt Charles Moore gehörte zu den Menschen, deren Tod man sich schwer vorzustellen vermag. Vorige Woche wurde bekannt, daß er am 15. Dezember an einem Herzschlag gestorben ist, 68 Jahre alt. Von ihm zu sprechen hatte man erst vor etwa zwei Jahrzehnten begonnen; richtig bei uns berühmt gemacht haben ihn vor allem die formenlüsternen Bauten in Berlin-Tegel, postmoderne Kavalkaden von sonderbarer Art. Sie machten fast vergessen, daß sein wahrer Ruhm ganz woanders begründet war, in seiner Anfangszeit, über die er in einem Interview berichtet hatte, das Heinrich Klotz und John W. Cook 1973 in ihrem Buch "Architektur im Widerspruch" vorgelegt hatten: erste Bekanntschaft mit dem bemerkenswerten Architekten Charles Willard Moore.

Damals hatte er, von einem Fakultäts-Klubhaus abgesehen, noch nichts gebaut, was in den bunten Fachperiodika hätte Glanz ausstrahlen können: Häuser und Siedlungen für Leute mit wenig Geld, sozialer Wohnungsbau also. Doch niedrige Budgets hatten Moore nicht gelähmt, sondern seine Phantasie mobilisiert. Ihn bewegte die ins Ästhetische erhobene Tugend der Sparsamkeit. War seine Architektur auch einfach, sollte sie doch nach Kräften schön, nicht zuletzt für die Bewohner anheimelnd sein. Ökonomie war für ihn eine Sache der Moral und der Ästhetik.

Schon damals gab sich sein Bedürfnis zu erkennen, dem gnadenlos degenerierten, farblos und primitiv gewordenen "Internationalen Stil" zu entrinnen und Anregungen von lokalen, regionalen, nationalen Gestaltungsgewohnheiten aufzunehmen, später immer hemmungsloser auch aus der Geschichte. Und er empfand eine Lust, Räume dramaturgisch zu entwerfen und wirkungsvoll zu inszenieren. Er hat Wohnungen, Häuser, Häusergruppen und Siedlungen mit ihren Plätzen, Nischen, Toren, Straßen und Biegungen anmutig und abwechslungsreich gegliedert. Architektur war für ihn eine Verwandte des Theaters; Häuser verstand er als "erzählende Objekte, die ebenso vielfältige Rollen enthalten, wie man sie in Theaterstücken findet".

Einem seiner Lese-Lehr-Bücher gab er den Titel "Architektur für den ,Einprägsamen Ort’". Denn Gebäude, fand er, müßten "eine Erinnerung", vor allem etwas zu erzählen haben, von sich selber, von ihren Bewohnern, vom Ort, an dem sie errichtet worden sind, von der Zeit, die sie hervorgebracht hat – um nicht stumm zu verkümmern. Ein anderes Buch mit dem Titel "Dimensions" – wie das erste aus der Lehre entstanden – befaßt sich mit "Raum, Gestalt und Maßstab". Er wollte ja, daß die Architektur, daß die Räume, die mit ihr gebildet werden, die Sinne berühren. An der "Redefreiheit" seiner Bauten war ihm so sehr gelegen, daß er vieles ausprobierte – und daß er sich letztlich dabei in einen verspielten Postmodernismus verrannte. Sein räumlich sympathisch angelegter Wohnkomplex, in den achtziger Jahren für die Internationale Bau-Ausstellung am Tegeler Hafen errichtet, wurde zum bekanntesten Beispiel für dieses von den Bewohnern so geliebte stilistische Vabanquespiel.

Dies vor Augen, fällt es schwer, Moore die wunderbaren frühen kargen Bauten zu glauben, vor allem die der Sea-Ranch an der kalifornischen Pazifikküste. Das ist eine lockere Versammlung sehr einfacher komfortabler Ferienhäuser aus Holz, alle von geometrischer Kantigkeit, mit sicherer Hand in die undramatische Hügellandschaft gebettet, deren Botschaft in der Architektur ihr Echo bekam.

Mit dieser Architektur begann sein Ruhm. Zu den Höhepunkten seines Schaffens gehört dann 1974 auch das Kresge College der Universität Santa Cruz, auch das winzige, entzückende Bonham-Haus in Boulder Creek, aber dann eben auch der St. Josephs-Brunnen an der Piazza d’Italia in New Orleans, mit dem er 1975 das knalligste postmoderne Zitaten-Feuerwerk der Zeit entzündet hatte – mit wieviel Witz er den Eklektizismus auch auf die Spitze trieb.

Doch diese Lust hauste wohl von Anfang an in seinem Kopf, wohlgelagert im Unterbewußtsein, ehe er nach London kam und dort – nach den gern beschworenen Vorbildern Schinkel und Jefferson und seinem Lehrmeister Louis Kahn – John Soane begegnete, genauer: seinem ausschweifenden Haus, dieser betörenden Assemblage, dieser virtuosen historistischen Etüde. Das vergnügende Herzklopfen dabei hatte ihm offenbar bedeutet, daß es nichts Verbotenes in der Architektur geben solle. Und dann sieht man ihn, Charles Moore, darüber lächeln, diesen liebenswerten, mit einem trockenen, ironisch versetzten Humor ausgestatteten Mann, dem der Schalk ein Freund war – aber der zu behausende, dabei zu erfreuende ganz normale Mensch auch.

Manfred Sack