Die Glaubensfehde, ob Wale gejagt werden dürfen, ist umgeschlagen in einen Handelskrieg. Nun kämpft Greenpeace, einst als David angetreten gegen atomar gerüstete Goliaths, mit den USA und der Europäischen Union (EU) gegen jagende Minderheiten in relativ kleinen Staaten. Worum geht der Streit?

Norwegen hat sich im vergangenen Jahr über das Fangverbot der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) hinweggesetzt und hat 226 Minkewale, auch Zwergwale genannt, harpuniert. Damit empörten die Skandinavier den walfreundlichen Rest der Welt und handelten sich einen Boykott ein, der sie ein Vielfaches dessen kosten wird, was die erbeuteten Minkewale wert sind. Auf über neunzig Millionen Mark veranschlagt Greenpeace den Wert der Handelsverträge, die weltweit durch Boykottaufrufe storniert wurden. Auch in vielen deutschen Läden, etwa bei der Tengelmann-Gruppe und co op, sind norwegischer Lachs, Aquavit und Käse aus den Regalen verbannt. Im Gegenzug verschmähen manche Norweger nun deutsche Waren, etwa Autos.

Thomas Henningsen, Walexperte bei Greenpeace-Deutschland, fühlt sich selbst "nicht ganz wohl" bei dem Boykott, er sei für ihn lediglich die Ultima ratio. Aber wenn man den Norwegern jetzt den Fang weniger hundert Minkewale durchgehen lasse, "dann fordern sie bald den Abschuß von tausend. Dann wollen die Isländer und Japaner das gleiche, und in kurzer Zeit werden dann auch die Großwale zum Abschuß freigegeben." Es geht somit um die Grundsatzfrage, ob Wale überhaupt wieder gejagt und getötet werden dürfen.

Nie und nimmer, sagen die meisten Tier- und Umweltschützer. Für sie sind Wale "Symbole des Lebens". Die "intelligenten, sensiblen und sanften Riesen" seien vom Aussterben bedroht. Ergo sei auch "der Walfang ein Symbol für den Umgang des Menschen mit der Natur", meint Patricia Becher-Ketterer, bis vor kurzem Wal-Campaignerin bei Greenpeace. "Wenn es nicht gelingt, die Wale vor der Profitgier einiger weniger Menschen zu retten, welche Chancen haben dann andere, oft weit weniger populäre Arten?"

Es müsse nun endlich Schluß sein mit dem von der IWC verhängten generellen Fangverbot für große Wale, fordern dagegen rund neunzig Prozent der Norweger. Sie empfinden das Jagdverbot als kulturellen Imperialismus der "Asphalt-Umweltschützer" in den Vereinigten Staaten und in der EU. Für die norwegische Ministerpräsidentin und anerkannte Umweltschützerin Gro Harlem Brundtland "geht es um das Prinzip. Wir brauchen funktionierende Ökosysteme und keine Natursentimentalität", sagt sie. Von einer Bedrohung der Minkewalbestände durch den Abschuß einiger hundert Tiere kann nach Ansicht der Norweger keine Rede sein. Eine umsichtige, nachhaltige Nutzung dieser natürlichen Ressource sei umweltverträglicher als die industrielle Intensivzucht von Geflügel, Rindern und Schweinen. Wer den Briten ihre Fuchsjagd oder den Deutschen Treibjagden auf Hasen, Hirsche und Rehe zugestehe, der solle gefälligst auch akzeptieren, daß Norweger, Fähringer und Isländer ungefährdete Walbestände bejagen.

Weder die norwegische noch die deutsche Regierung wollten die laufenden Boykottmaßnahmen kommentieren. Für Bonn handelt es sich um unerwünschte private Auseinandersetzungen. Den Norwegern machen vor allem Drohungen der amerikanischen Regierung Sorge. US-Präsident Bill Clinton hatte im vergangenen Jahr zwar noch nicht wie befürchtet einen Boykott verhängt, aber entsprechende Vorbereitungen eingeleitet. Kommt es beim nächsten Treffen der IWC im Mai nächsten Jahres in Mexiko zu keinem Kompromiß, dann könnte dies zum offenen Handelskonflikt führen. Dann geht es für Norwegen um Milliarden – und der Einfluß der US-Walschutzlobby auf die Regierungspolitik ist groß.

Was ist der historische Hintergrund für die Auseinandersetzung? Wie gefährdet sind die Wale tatsächlich? Und was weiß die Wissenschaft über die Giganten der Meere, etwa ihre Intelligenz und Friedfertigkeit?