Von Olaf Krohn

Vierundsechzig Grad nördlicher Breite, fünf Grad minus. Der schneidende Wind vom Nordatlantik peinigt die Haut wie Nadelstiche. Zwölf Wörter besitzt die isländische Sprache, um den Wind in seinen Richtungen und Stärken zu bezeichnen. Durch die Aussichtsplattform unter den Kirchenglocken bläst es aus Norden herüber vom eisgrauen Meer, das mit dem eisgrauen Himmel verwoben zu sein scheint. Im Hafen haben ein paar Fischtrawler festgemacht. Dem Kabeljau verdankt Island seinen Wohlstand. Wahrscheinlich prägt man deswegen diesen Fisch auf die Münzen, so wie andernorts Götter oder gekrönte Häupter. Unten liegt Reykjavik und macht sich unter einer frischen Schneedecke noch kleiner, als es ohnehin ist. Der Turm der Hallgrimskirche, mit 74 Metern das höchste Gebäude Reykjaviks, wurzelt wie ein umgedrehter Eiszapfen in der vulkanischen isländischen Erde. Fünfzig Jahre hat die Stadt an ihrem neuen Wahrzeichen gebaut. "Mal hat man sich über die Architektur gestritten, mal war kein Geld da", sagt der Organist Hördur Askelsson. Der Turm wurde in den siebziger Jahren als erstes fertig. Mit den Eintrittsgeldern, die man für die Fahrt auf die windige Plattform kassierte, konnte der Bau des Kirchenschiffs finanziert werden.

In seiner kargen Weiße wirkt es wie ein Iglu von gotischen Dimensionen. Vor einem Jahr wurde die Kirche mit der Einweihung der großen Orgel offiziell vollendet, und der Stolz auf das Instrument ist dem jungen Mann am Gesicht abzulesen: "Am Ende haben wir die Orgel bezahlt, indem wir die 5000 Pfeifen Stück für Stück an Bürger und Firmen verkauft haben."

Vielleicht sind Kirche und Orgel zu groß für diese kleine Stadt, zu groß für dieses kleine Volk am Rande des Polarkreises. Auf derartige Gedanken würde Organist Askelsson nie kommen. Froh und glücklich sei er, daß es in Reykjavik nun endlich einen Ort gebe, wo man in gebührendem Rahmen große Orgelwerke aufführen könne.

Die Kneipe "Gaukur a Stöng" bietet in der Nacht zuvor den gebührenden Rahmen für lärmende Gitarrenwerke. Kurz vor Mitternacht drängeln sich hier die schwarzen Lederjacken. Von der Bühne, auf der eine Kapelle aus sechs blonden Hänflingen sich gegenseitig auf die Füße tritt, kommt eine rotzfreche Version von David Bowies "Ziggy Stardust". Der "Vogel auf der Stange", wie der Kneipenname übersetzt lautet, feierte im November sein zehnjähriges Jubiläum und gilt damit als ältester Pub in der Stadt.

Reykjaviks Nachtleben erblühte 1989 über Nacht, als nach siebzigjährigem Bann der Verkauf von "Starkbier" auf der Insel wieder legalisiert wurde. An jeder Ecke hat seither eine Kneipe oder ein Café eröffnet. Sie heißen "Café Paris" oder "Böhem" oder "Solon Islandus". Freitags und samstags nimmt seither nachts die Jugend der Insel die kleinen Straßen in Besitz, die man in Reykjavik mangels Alternative "Zentrum" nennt.

Im Amtssitz der Präsidentin Vigdis Finnbogadóttir an der Laekjargata brennt kein Licht mehr. Vor dem Althing, dem kleinen Parlamentsgebäude mit dem Flair eines nordelbischen Pfarramtes, ist nicht einmal ein Polizist postiert, um den nächtlichen Fortbestand der staatlichen Autorität auch dann zu garantieren, wenn draußen der Nachwuchs johlend durch die Gassen zieht. Dafür schauen die Abgeordneten selbst am späten Abend gelegentlich nach dem Rechten. Gudmundur Hallvardsson, Parlamentarier der konservativen Unabhängigkeitspartei, kommt gerade von einem Dinner, das der Hafen Reykjavik anläßlich der traditionellen Errichtung eines Weihnachtsbaumes aus Hamburg gegeben hat. Weihnachtsbäume zählen zu den vielen Produkten, die die Insel mangels eigenen Baumbestandes einführen muß. Und die Ankunft des Hamburger Baumes wird jedes Jahr gefeiert.