Wenn der menschliche Geist, wie es manchmal heißt, der letzte unerforschte Kontinent ist, dann ist seine Fähigkeit, Computersoftware zu schreiben, einer der dunkelsten Dschungel dort. Der aktuellste Expeditionsbericht aus dieser Region stammt von Christel Schachtner, die am Institut für Psychologie der Universität München arbeitet. Ihre Untersuchung "Geistmaschine" ist die wissenschaftliche Auswertung von 36 Interviews mit Software-Entwicklern und -Entwicklerinnen im Großraum München.

Schachtner beginnt damit, ein prächtiges Begriffswerkzeug vorzuzeigen. Für sie ist der Computer ein "Grenzobjekt". Das ähnelt "in seinem Wesen dem von dem englischen Psychoanalytiker D. W. Winnicott beschriebenen, Übergangsobjekt’, mit dem Kinder ihre erste Annäherung an die Außenwelt unternehmen. Der Computer kann quasi als ein der Erwachsenenwelt gemäßes Nachfolgeobjekt betrachtet werden." Also: Was in den "Peanuts"-Cartoons des kleinen Linus’ Schmusedecke ist (populärstes Beispiel eines Übergangsobjekts), wäre dann für den Computerarbeiter der Computer. "Übergangsobjekte" stehen ihrem Besitzer sehr nah, "gehören zum Ich und auch wieder nicht; sie sind subjektiv und objektiv zugleich". Daß man beim Programmieren Teil der Maschine wird oder die Maschine Teil von einem selbst, belegen viele Bemerkungen in Schachtners Interviews.

Leider, so muß man sagen, läßt die Autorin dieses Instrumentarium, kaum eingeführt, langsam aus der Hand gleiten, verliert sich in den Schrullen, die auch Profis im Umgang mit dem Computer gern an den Tag legen, und sorgt sich länglich um das leibliche und seelische Wohl der Interviewten. Vielfach scheint es labil – aber ist das nicht üblich bei jeder Arbeit unter Qualitäts-, Kreativitäts- und Termindruck?

Weithin Anklang fanden vor allem die Selbstbildnisse der Software-Entwickler. Schachtner stellte ihnen die Frage: "Was von mir ist beteiligt, wenn ich programmiere?" und ließ sie zeichnen. Was da an Krakeleien von Kopffüßlern und funkenschlagenden Gehirnen entstand, rührt mächtig an, doch darf man den Erkenntniswert im Gegensatz zur Autorin für begrenzt halten. Wen soll es überraschen, daß die Arbeit am Computer den Körper weniger und das Hirn mehr fordert?

Die Untersuchung findet sich auf den letzten vierzig Seiten wieder, wo Schachtner die greifbaren Folgen der Programmierarbeit zuspitzt: die Vernachlässigung und Auflösung des Körpers, die Zerstörung sozialen Verhaltens, das "sich selbst entgleitende Ich". Kurz gefaßt: Programmierprofis glauben nicht an die Existenz von Seele und Gefühlswelt, klammern sich aber an die Hoffnung, mit Inselträumen und hartem Ausgleichssport Beschädigungen zu entkommen.

Man fragt sich: Warum? Die Expedition jedoch ist zu Ende. Dem Herzen der Finsternis kommt sie nicht nahe, dem Reiz der Sache, der die Zerstörung gleichermaßen auslöst wie ertragen hilft. Gemeint ist das Tunnelerlebnis des Programmierens selbst, das die Süchtigen im Schlaf noch weiterquält und das wohl schuld ist an der Ambivalenz, die Schachtner zum Schluß verwundert in allen Interwiews feststellt – wenn etwa einer der Software-Entwickler sagt, seine Arbeit sei unheimlich kreativ, und kaum später versichert, sie mache ihn "geistig platt".

Das zu erklären, müßte man in das Wesen der Programmierarbeit eindringen, was Christel Schachtner, die ihre schwache Beziehung zur Computerlogik gesteht, offensichtlich nicht wollte oder nicht konnte. So kann, man auch nur vermuten, daß jene Gesprächspartner, die sie unentwegt als Künstliche-Intelligenz-Forscher bezeichnet, eigentlich sogenannte Wissenschaftsingenieure sind: In der Informatik ein schlagender Unterschied.

Schade auch. Neue Expeditionen werden sich rüsten müssen, mehr von dem Dunkel zu erkunden. Klemens Polatschek