FREIBURG. – Fast wie damals bei der Kanonade von Valmy, als ein Kriegsbeobachter eine neue Epoche der Weltgeschichte heraufdämmern sah. Auf dem zugigen Plateau einer Schutthalde im Westen von Freiburg sprach der Baubürgermeister von einem "großen Tag für die Region". Eine "Nagelprobe des sozialen Friedens", sagte der Oberbürgermeister. Ein "Hoffnungstag", befand schließlich der angereiste Staatssekretär aus dem Stuttgarter Wirtschaftsministerium. Und wir können sagen, wir sind dabeigewesen, als Baggerführer Rolf Böhme, im Hauptberuf Oberbürgermeister von Freiburg, die erste Schaufel voll Erde über den bereitgestellten Kieslaster ruckelte. Ein symbolischer Spatenstich vor Honoratioren und Ehrengästen, um den ihn so mancher Kollege in anderen Städten beneiden mag. Im "Rieselfeld", dort, wo fast hundert Jahre lang, bis 1985 noch, die Abwässer der Stadt in den Boden sickerten, wird ein ganz neuer Stadtteil entstehen: mit 4200 Wohnungen und 10 000 Menschen, die ihn im Jahr 2005 einmal beleben sollen.

Man hat in Freiburg mit großer Kelle angerührt: Es ist das größte Neubauprojekt in Baden-Württemberg, und auch bundesweit werden nur wenige Städte mit dem Freiburger Rieselfeld konkurrieren können.

Der Bauplatz: Einem großen Kuchenstück gleich, dehnt sich das topfebene Brachland westwärts bis an den stumpfen Kegel des Kaiserstuhls aus, zerfurcht von Gräben und Drainagen. Schon lange, noch zu Zeiten der Berieselung, hatte die Stadt ein Auge auf die ausgedehnte Freifläche geworfen. Zunächst sollte dort ein neunzig Hektar großes Gewerbegebiet entstehen. Doch dann kam die große Wohnungsnot. Nicht zuletzt, weil die Universität wie ein großer Staubsauger junge Menschen in diesen äußersten Zipfel des Südwestens zieht. Und wen es hierher einmal verschlagen hat, der möchte gar nicht mehr weg. Schon im nächsten Jahr könnte Freiburg die magische Marke von 200 000 Einwohnern durchbrechen.

Also braucht die attraktive Stadt an der Dreisam vor allem drei Dinge: Wohnraum, Wohnraum und Wohnraum. Von halbherzigen Bauvorhaben nach dem Prinzip Flickerlteppich versprach man sich nicht viel. Und die sogenannte "Nachverdichtung" im Zentrum der Stadt hatte auch alsbald ihre natürlichen Grenzen erreicht. Schließlich lassen sich Menschen nur bis zu einem gewissen Grad komprimieren.

Deshalb der Schritt auf die grüne Wiese. Städtebau in Dimensionen der Nachkriegszeit und der sechziger Jahre. Ein Neuanfang, bei dem man alles besser machen, alle Schandtaten, begangen an anderen Stadtteilen, vermeiden kann. "Von Anfang an fasziniert" war Sven von Ungern-Sternberg, Freiburgs Baubürgermeister. Einen ganzen Stadtteil aus dem Boden stampfen! Wann habe es das zuletzt schon gegeben, sagt er, und sieht den Beginn einer neuen Ära des deutschen Städtebaus in Freiburg ihren Anfang nehmen.

Eine einmalige Chance für Neuerungen. Entsprechend pathetisch las sich denn auch der Text des ausgeschriebenen Architektenwettbewerbs. "Den Geist unserer Epoche" sollte der neue Stadtteil widerspiegeln. Eine Einladung zum anything goes, und manch einer hielt sich daran. Der belgische Architekt Lucien Kroill legte das Modell einer Lagunenstadt vor, mit Yachthafen und von Kanälen durchzogen. Doch so viel Mumm brachten die städtischen Preisrichter dann doch nicht auf.

Den Zuschlag erhielt das Modell der Freiburger Architektengemeinschaft Morlock und Partner, ein loser Zusammenschluß von mehreren Architekturbüros. Ein Entwurf, der vor allem durch eine gewisse Bodenständigkeit auffällt: Wohnhäuser mit vier bis fünf Geschossen, nicht über die Baumwipfel hinaus, in Blöcken strukturiert, kleine Grundstücke, kräftig gegliederte Straßenzüge, geschlossene Plätze. Es gab grünere Vorschläge und idyllischere. Aber das ist nicht so gefragt, wenn man 10 000 Menschen auf 70 Hektar unterbringen will.