Von Michael Thumann

Den Krieg um Bosnien-Herzegowina haben alle verloren: die Muslime, die in eingekesselten Städten ausharren; die Kroaten, die vor Serben wie Muslimen auf dem Rückzug sind; die Serben, die zwar siebzig Prozent des bosnischen Territoriums halten, aber deren Wirtschaft durch das UN-Embargo zerstört wurde. "Wir werden auf Pferden reiten und Gras essen", trompetete der serbische Radikalenführer Vojislav Šešelj der Welt entgegen. Seine Vision wird allmählich Wirklichkeit.

Doch auch die Weltgemeinschaft, die Serbien isolierte, hat den Krieg verloren. Nicht eines ihrer anfangs feierlich verkündeten Prinzipien konnte sie durchsetzen. "Gewalt darf sich nicht lohnen", hieß es. Dem Gemetzel in Bosnien setzten Uno und EU gewaltlose Verhandlungen entgegen. Anfang 1993 präsentierten ihre Vermittler Cyrus Vance und David Owen einen Friedensplan. Mit dem Entwurf legten sie unglücklicherweise eine detaillierte Karte vor: Entlang ihrer Grenzen wurden dann Menschen vertrieben, der Konflikt zwischen Muslimen und Kroaten angeheizt. Ohnehin wären viele Details des Vertrages nicht durchsetzbar gewesen. Dennoch hatte er einen Vorzug gegenüber allen Folgeplänen: Er ging von der Einheit Bosniens aus und hätte die Kriegsparteien an einen schriftlichen Vertrag gebunden anstelle eines vagen Versprechens. Aber diese Chance wurde vertan.

Anfang Mai 1993 hatte Radovan Karadžić das Vance/Owen-Papier bereits unterschrieben – aus Angst vor einer Militärintervention! Nur noch das bosnisch-serbische "Parlament" in Pale sollte den Plan absegnen. Doch in diese Woche fiel ein Ereignis, das im Westen kaum, in Serbien jedoch aufmerksam registriert wurde: Im amerikanischen Kongreß regte sich Widerstand gegen eine militärische Einmischung, und auch die Westeuropäer begannen, laut zu zweifeln. Mit nachlassendem Druck wuchs die Dreistigkeit der Serben: Sie lehnten den Friedensentwurf ab.

Dabei hatten Diplomaten und Regierende in den westlichen Hauptstädten seit Anfang 1993 von einer Intervention geredet. Bis zur Unglaubwürdigkeit grollte man wieder und wieder. Doch in jener entscheidenden Woche im Mai hielt der Westen die Drohung nicht durch. Mitarbeiter von Owen klagen heute, sie hätten sich damals schon ein, zwei Warnangriffe auf bosnisch-serbische Ziele gewünscht, um die Unterschrift herbeizuzwingen. Da man dazu nicht bereit gewesen sei, hätten die Politiker lieber gar nicht von einer Intervention schwätzen sollen.

So hielt die Welt die Muslime hin und stachelte die Serben an, sich rechtzeitig möglichst viele Gebiete zu sichern. Das folgenlose Palaver über eine Intervention ersetzte jede Politik für Bosnien. Schließlich trugen Amerikaner, Russen, Briten, Franzosen und Spanier das einzige Konzept der Weltgemeinschaft, den Vance/Owen-Plan, zu Grabe. Seitdem verhandeln die Kriegsparteien – endlos wie immer – über Teilungspläne, deren geistige Väter Serben und Kroaten sind.

Im Rückblick seufzt Herbert Okun, der Stellvertreter des ehemaligen Vermittlers Vance: "Diplomatie ohne Gewalt ist wie Baseball ohne Schlagholz." Nun mag man fragen: Sind denn Sanktionen gegen Serbien ein gewaltfreies Mittel? Sicherlich nicht. Nur scheint es sich gegen die Falschen zu richten. Während die einfachen Menschen in Serbien darben, sitzt Präsident Slobodan Milošević fester im Sattel denn je. Gerade hat seine Partei die Parlamentswahl gewonnen; das ist trotz aller Manipulation durch die Medien ein Erfolg. Die demokratische und nationalistische Opposition ist abgeschlagen. Angesichts der katastrophalen Lage im Lande waren die Sanktionen ein perfektes Alibi für Milošević. Und es scheint, als traue eine Mehrheit der Serben nur ihm zu, das Embargo wieder abzuschütteln.

Doch nicht nur auf dem Balkan hält man große Stücke auf den Sozialisten. Ausgerechnet die amerikanische CIA hat Milošević in einer Lageanalyse vor den serbischen Wahlen aufgewertet: Er sei "wahrscheinlich der einzige serbische Führer, mit dem der Westen verhandeln kann, und der einzige, der eine umfassende Lösung des Konflikts herbeizubringen vermag". Mit dieser Beförderung durch den amerikanischen Geheimdienst hat sich Milošević als Aufsteiger des Jahres 1993 qualifiziert: Vom Aussätzigen, den der ehemalige US-Außenminister Lawrence Eagleburger im Dezember 1992 auf seine Kriegsverbrecher-Liste setzte, ist er zum geachteten Verhandlungspartner des Westens geworden. Nicht das zerrüttete Serbien, aber Milošević persönlich ist unter den vielen Verlierern dieses Krieges einer der wenigen Gewinner. Kein noch so bedrohlicher Fernsehauftritt eines westlichen Politikers konnte ihn je davon überzeugen, daß Gewalt sich nicht lohnt.