Von Gernot Kramper

Michael Wolffsohn, der „deutschjüdische Patriot“ von der Bundeswehrhochschule in München, ist ein schlanker, fast hagerer Mann. Ein Gelehrter auf Reisen, in der linken Hand trägt er einen abgeschabten Aktenkoffer, über der Schulter eine Hängetasche, mit der freien, rechten Hand begrüßt er die Anwesenden stets mit artigem Diener. Im Festkeller des Bielefelder Rathauses nimmt er zusammen mit Uwe Puschner den deutschen Schulbuchpreis für das Buch „Juden in Deutschland“ entgegen, es ist im Bayerischen Schulbuch-Verlag erchienen.

Der Gelehrte ist in Eile, am Abend zuvor war er noch Gast bei Bayern III. Nun ist er gerade mit dem Flugzeug angekommen, kurz nach dem Festakt geht die Maschine zurück nach München. Während der Dankrede bleiben seine gepflegten Hände immer in Bewegung, spielen mit der Brille, streichen über die Strickkrawatte, aber sein fester, ruhiger Blick nimmt die Zuhörer gefangen.

Michael Wolffsohn ist ein Konservativer mit Lust an der Provokation. Die Wirkung des Professors geht weit über die Universitäten hinaus. Seit seinem Buch „Ewige Schuld? 40 Jahre Deutsch-Jüdisch-Israelische Beziehungen“ ist Michael Wolffsohn politischer Bestseller-Autor. Sein neuestes Werk, „Verwirrtes Deutschland“, wird mit großem Aufwand von der edition ferency betreut.

Er veröffentlicht zahllose Artikel in der Welt und anderen namhaften Tageszeitungen. Seine Präsenz im Fernsehen kann auch einem gänzlich unpolitischen Zuschauer auf Dauer nicht entgehen. So häufig erhebt er seine Stimme, daß er seine öffentlichen Auftritte zeitweise durch eine Agentur koordinieren lassen muß. Daß er als Redner und Gast auch Geld nimmt, ist bekannt, ihn stört es nicht, wenn man darüber redet.

Trotz des offensiven Medienrummels um seine Person bezeichnet sich der Historiker als „gebrochen“. Die betulichen Rituale in deutsch-jüdischem Mit- oder Nebeneinander bringt er dennoch gehörig durcheinander. Provokante Formulierungen wie die Selbstcharakterisierung als „deutschjüdischer Patriot“ haben ihm die Replik „deutschnationaler Flakhelfer“ eingetragen. Dabei sieht er sich selbst keineswegs in der Tradition des „deutschnationalen Juden“ der zwanziger Jahre; das klinge ihm, so Wolffsohn, „zu bräsig nach Deutschtümelei und Marschmusik“. Sein Patriotismus gründe sich auf dem, was nach dem Krieg erreicht wurde, auf die Verfassung, die Rechtssicherheit. Ungebrochen könne man kein Land lieben, man müsse „Licht und Schatten“ sehen. „Ich bekenne mich zum Lebenswerten in Deutschland und will das Nichtlebenswerte verändern, verbessern.“ Geschrieben hat er einmal: „Kratzbürstig und stachelig ist das Vaterland.“

Den Vernichtungslagern des deutschen Vaterlandes konnten seine Eltern entkommen. 1939 wanderten die Wolffsohns nach Tel Aviv aus. 1947 wurde er dort geboren und wuchs in der deutschjüdischen Subkultur auf. Da sei er als Kind viel „zu jeckisch“ erzogen worden, kommentiert er sein stets etwas überkorrektes Auftreten. Schon 1955 kehrte die Familie nach Berlin zurück. Sowohl deutscher wie auch israelischer Staatsbürger, leistete er 1967 freiwillig seinen dreijährigen Wehrdienst in Israel ab; für ihn ein Zeichen der Solidarität mit dem Staat der Juden. „Israel gibt uns Juden Sicherheit, wir müssen Israel auch etwas geben, und zwar mehr als nur Geld, mit dem wir unser Gewissen freikaufen.“ Dennoch gab er 1984 seinen Paß zurück. Zwei Staatsbürgerschaften würden auf Dauer zu Loyalitätskonflikten führen, sagt Wolffsohn. „Man muß sich fragen: Was ist mein Land?“