Am Anfang war die Nuß. Die Schöpfungsmythen der Saravandos in den Hochtälern von Tailur und der Porathen auf den Kalipanischen Inseln kreisen noch heute um die Urnuß: Das Symbol geborgenen Lebens. Das Yin-Yang des Tao symbolisiert die beiden Hälften dieser Urnuß. Im Abendland pflegen wir – nach Abschaffung der Kopfnüsse für Lehrlinge – noch Spurenelemente genußvoller Erinnerung: Nüsse und Pfeffernüsse zu Weihnachten – und die Erwartung, daß es im neuen Jahr für die Deutschen wieder besonders harte Nüsse zu knacken gibt. Die Begegnung von Mensch und Nuß (als Haselnuß, Walnuß, Erdnuß, Kokosnuß und so weiter) war entwicklungsgeschichtlich eine entscheidende Weichenstellung. Denn dabei entdeckte der frühe Mensch erstens, daß Nüsse schmecken und mit viel Lecithin das Gehirn und die Nerven stärken, was die Voraussetzung für den sozioökonomischen Fortschritt war; zweitens, daß er seine urmenschliche Fähigkeit, Nüsse mit den Zähnen zu knacken, eingebüßt hatte. Der Mensch mußte ein Mittel finden, um zur Sache zu kommen. So begann die Karriere der Mittelmäßigkeit des Homo oeconomicus. Das erste Mittel war ein Stein, um Nüsse zu knacken. So begann die Steinzeit; beziehungsweise aus der Sicht der Steine: die Menschenzeit. Reichlich Lecithin und die Lust am Knacken – auch von fremden Köpfen –, am Spalten und Kaputtmachen, schaukelten sich durch Eisenzeit, Völkerwanderung, Dreißigjährigen Krieg und Kolonialimperialismus – bis zum Jahr 1776. Das war das wichtigste Jahr seit der Begegnung des Menschen mit der Nuß. 1776 wurden die USA gegründet, die ersten Dampfmaschinen funktionierten, und Adam Smith erfand die Volkswirtschaftslehre. Sie hat seither erstaunliche Früchte getragen.

Kurzgefaßt, das heißt in a nutshell, haben sich Volkswirtschaft und Volkswirtschaftslehre folgendermaßen entwickelt: Die Klassiker (Smith, Ricardo und andere) fanden heraus, daß die beiden Hälften einer Nuß nie im Gleichgewicht sind und daß bei Nüssen, wie bei einer Volkswirtschaft, wenn man sie anstößt, mal die eine Hälfte unten und mal die andere Hälfte oben liegt – was sozialpolitisch unerwünscht sein mag –, daß jedoch Nüsse und Volkswirtschaften, wenn man sie sich selbst überläßt, auf lange Sicht zum Gleichgewicht tendieren. Das beruhigte alle Nußknacker. Bis der Kurzstrecken-Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) den Alarmruf ausstieß: "In the long run we are all nuts!" Keynes verpflichtete deshalb den Staat, arbeitslose Nußknacker solange mit Nüssen zu versorgen, auch wenn der Staat gar keine Nüsse hatte, also mit sogenannten deficit nuts, bis Wirtschaft und Gesellschaft im GeNuß der Vollbeschäftigung aller Produktionsverfahren waren.

Alle Welt glaubte an Keynes als Obernußknacker. Bis Milton Friedman (Wirtschaftsnobelpreis 1976) und seine Chicago Boys auf der volkswirtschaftlichen Bühne erschienen mit dem Schlachtruf: "Keynes is completely nuts!" (Frei übersetzt: "Keynes ist völlig beknackt!") Das Rezept der Chicagoer Schule: Fluch über die deficit nuts, Privatisierung und Deregulierung der gesamten Nußknackerei bei streng begrenzter Nußmenge, selbst wenn viele Nußknacker arbeitslos werden; weil inflationistische GeNüsse auf Dauer für Wirtschaft und Gesellschaft tödlich sind.

Nachdem die Keynesianer die Arbeitslosigkeit der Nußknacker und die Chicago Boys die Inflationierung der Nüsse bekämpft haben, liegt heute in fortgeschrittenen Nußknackerstaaten das bedauerliche Ergebnis dieser Zangenbewegung klar zutage: Hohe Arbeitslosigkeit und hohe Staatsverschuldung sowie eine angeschlagene Umwelt. Noch bevor die Knackzange der Keynesianer und der Chicago Boys faßte, war Karl Marx (1818-1883) mit dem Anspruch aufgetreten, alle Nüsse vom Kopf auf die Füße zu stellen und das kapitalistische GeNußsystem zu knacken. Sein Schlachtruf: "Nußknacker aller Länder vereinigt euch, ihr habt nichts zu verlieren als eure Zähne!" Sein Ziel: Die Gesellschaft mit revolutionärem Schwung in einen Zustand führen, in dem es keine Nußknacker mehr gibt, sondern nur noch knackende Menschen. Der Marxismus warf viele harte Nüsse auf. Millionen von Menschen bissen sich daran tatsächlich die Zähne aus. Und in unseren Tagen zeigte sich, was er wirklich ist: eine taube Nuß.

Adam Smith (1723-1790) wird als Stammvater der Nußwirtschaft verehrt. Er hat die Knackarbeit aus dem Gesamtzusammenhang des Lebens herausgeschält (was ihm mancher heute wieder übelnimmt) und den Fundamentalsatz der Knackwirtschaft entdeckt. In mehr als 200 Jahren wissenschaftlicher Bearbeitung wurde dieser Satz auf folgende, heute unmittelbar einleuchtende Form gebracht: "Der höchste Gemeinnussen ist gegeben, wenn jeder sich nur um seine eigenen Nüsse kümmert." Smith hat die Arbeitsteilung als Schlüssel zum Wohlstand entdeckt. Er demonstrierte den Nutzen dieses Produktivitätsschlüssels gleich eingangs in seiner "Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes" am Beispiel des Nußknackers: Wenn ein einzelner Nußknacker mit unzureichendem Werkzeug in einer Stunde kaum zwanzig Nüsse knacken kann, oder vielleicht nicht einmal eine einzige Kokosnuß, können zehn Nußknacker durch spezialisierte Arbeitsteilung in der gleichen Zeit 48 000 Nüsse knacken; das sind 4800 pro Nußknacker!

In den Nußknackfabriken, die aufgrund solcher Perspektiven überall eröffnet wurden, qualifizierten sich manche Workaholics mit dem permanenten Ruf "Any Problems? Irgendwelche Probleme zu knacken?" Mit dem Modell seiner Nußknackfabrik brachte Smith die Industriewirtschaft auf den Weg des Produktivitätsfortschritts. Und niemand fragte: Was soll aus den Nüssen werden? Und wohin mit den Schalen? So stapelten sich in Europas Lagerhallen tonnenweise Nußkerne, bis sie zwecks Senkung der Lagerkosten zu Schmierfett denaturiert wurden. Und in der Öffentlichkeit entbrannte Streit, ob Nußschalen in die Müllverbrennung oder zunächst in Zwischenlager gehören.

Die Warnungen des "Knack of Roms", der schon 1972 "Die Grenzen des Nußwachstums" aufzeigte, wurden hingegen kaum befolgt. Dem der Sachzwang zum Knacken, kurz: der Knackzwang, hat sich vom ursprünglichen Produktionsziel, der Versorgung der Menschen mit Lecithin zur Gehirn- und Nervenstärkung, längst gelöst und verselbständigt, zum Beispiel zur Haar- und Atomspalterei. Schon Adam Smith hatte vor einer Deformierung der Menschen durch spezialisierte Arbeitsteilung gewarnt. John M. Keynes ("The General Theory of Employment, Interest and Money", London 1964, S. 129) wies darauf hin, daß die Menschen ihr Recht auf Vollbeschäftigung auch dazu nutzen würden, sich selbst und alles drum herum mittels Krieg kaputtzumachen, falls den führenden Staatsmännern nichts Besseres einfalle. Das waren kluge, aber einsame Rufer. Heute kann jedermann erkennen, zu welcher Zerstörungsgewalt die Steine entwickelt wurden, mit denen frühe Menschen die ersten Nüsse spalteten. Ist die Schaffung produktionsunabhängiger Arbeitsplätze und ihre Spaltung in Teilplätzchen eine ausreichende Bremse für die Human Destructiveness? Oder wird jedermann zum Demolition Man? Das sind die Knackpunkte einer neuen Gesellschaftsordnung. Noch greifen die Gen-Knacker nur nach Weichprodukten wie Tomaten, Kartoffeln und Menschen. Wann werden sie sich auch an harte Nüsse wagen?