Von Theo Sommer

I. Fast ein halbes Jahrhundert lang beschrieben "Ost" und "West" die beiden Heerlager im Konflikt der verfeindeten Blöcke. Dann ging der Kalte Krieg zu Ende. Mit einem Male wurden Ost und West wieder zu Himmelsrichtungen.

Hoffnung keimte damals in den Herzen. Nun könne endlich jene "Eine Welt" entstehen, von der die Überlebenden der zwei großen Kriege 1914-18 und 1939-45 geträumt hatten. Schwerter würden zu Pflugscharen umgeschmiedet und "kein Volk mehr wider das andere ein Schwert aufheben". Und die westlichen Prinzipien der Demokratie, des freien Marktes und der Menschenrechte hätten rund um den Erdball ein für allemal gesiegt: Ende der Geschichte, vor uns Jahrhunderte der Langeweile!

Seitdem sind vier Jahre vergangen. Die Hoffnung ist verflogen. Was wir mittlerweile schaudernd miterlebt haben, war die Rückkehr der Geschichte – im Harnisch. Wenn das Zeitalter nach dem Kalten Krieg überhaupt schon seine Signatur gefunden hat, so ist sie mit Blut geschrieben: Weltunordnung, nicht Weltordnung; Stammeskriege, nicht Völkerkonsens; Auflösung der Strukturen, nicht Verfestigung.

II. Allmählich sickert dieser Befund ins Bewußtsein der Zeitgenossen. Im alten Jahr hat er sich in drei Büchern niedergeschlagen, die bei aller Unterschiedlichkeit der Gedankenführung auf die gleiche Grundthese hinauslaufen. Einen Rückfall in ein neues Mittelalter konstatiert der Franzose Alain Mine ("Le Nouveau Moyen Äge"). Eine Welt außer Rand und Band befürchtet Zbigniew Brzezinski, der Amerikaner aus Polen ("Out of Control"). Eine Zweiteilung der Erde in eine Zone des Friedens und eine Zone der Turbulenz erkennt das amerikanische Autorengespann Max Singer and Aaron Wildavsky ("The Real World Order"). Drei Stimmen, eine Stimmung: Düsternis ist Trumpf, trotz aller Lichtblicke in Südafrika, im Nahen Osten, in Nordirland.

Die zwiegespaltene Welt von Singer und Wildavsky besteht aus einer Zone des Friedens, der Demokratie, der Menschenrechte, der bürgerlichen Ordnung, des Wohlstandes; und aus einer Zone des Unfriedens, der autoritären Regime, der Menschenrechtsverweigerung, des Durcheinanders bis hin zur Anarchie und allenfalls schleppender Entwicklungsfortschritte. Die Friedenszone umschließt Westeuropa, Nordamerika, Japan, Australien und Neuseeland – etwa fünfzehn Prozent der Weltbevölkerung. Die Turbulenzzone umfaßt den Rest der Welt, darin eingeschlossen Osteuropa, Südosteuropa, die frühere Sowjetunion, ferner große Teile Afrikas, Asiens und Lateinamerikas – etwa 85 Prozent der Erdbewohner. Die Prognose klingt fast wie: Friede den Palästen, Krieg den Hütten.

Das Fazit der Autoren: Das begünstigte Siebtel der Menschheit wird nicht ins Lot bringen können, was bei den benachteiligten sechs Siebteln im argen liegt. Niemand hat die Machtmittel und den Machtwillen, in der Zone des Unfriedens Frieden zu stiften – auch Amerika nicht. Zbigniew Brzezinski, einst im Weißen Haus Sicherheitsberater des Präsidenten Carter, schätzt den Einfluß und die Einwirkungsmöglichkeiten der Vereinigten Staaten geringfügig höher ein. Auch er diagnostiziert jedoch die Gefahr weltweiter Anarchie. Er glaubt nicht an eine friedliche Entwicklung auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Ostmitteleuropa ("Europa II") werde in Anlehnung an die Brüsseler Gemeinschaft ("Europa I") seine inneren Schwierigkeiten wohl überwinden, wohingegen dem "dritten Europa" – dem Balkan und dem Baltikum, der Ukraine, Weißrußland, Moldawien – auf Jahrzehnte hinaus schwere Krisen bevorstehen. Das "eurasische Geviert" zwischen Adria und Sinkiang hält Brzezinski für einen Raum höchster Gefährlichkeit.