Leben Sie riskant! – Seite 1

Klängen, das auf keiner bekannten Sprache beruht.

– Entwickeln Sie eine wiederholte Sequenz dieser Klänge, die ergänzt oder korrigiert werden kann.

– Durchbrechen Sie die traditionellen menschlichen Gewohnheiten des Tonfalls und des Sinns einer Unterhaltung, nach denen ein "Klang" einem "Gefühl" entsprechen muß.

– Setzen Sie Pausen, um den rhythmischen Fluß zu verändern, und drücken Sie die "Bedeutungshierarchien" aus, die allen Sprachen eigen sind.

-Lernen Sie die Grundbausteine Ihrer neuen Sprache innerhalb der ersten zehn Sekunden mitzuteilen, in denen Sie zu sprechen beginnen.

-Üben Sie so lange, bis Ihnen die Sprache selbstverständlich vorkommt, und sprechen Sie dann (zu Ihren Freunden).

Risiko No. 2 Ihre Gewohnheiten:

Leben Sie riskant! – Seite 2

Rechnen Sie die Gesamtzeit aus, die Sie wöchentlich vor dem Fernseher, am Radio, in der Kneipe und bei Sportveranstaltungen verbringen. Nehmen Sie zehn Prozent der gewonnenen Summe. In der kommenden Woche verbringen Sie diese zehn Prozent mit für Sie ungewöhnlichen Tätigkeiten:

Unternehmen Sie lange, einsame Spaziergänge; unternehmen Sie lange Spaziergänge mit einem alten Freund, den sie viele Jahre nicht getroffen haben; legen Sie eine Liste aller Dinge an, die Sie in der populären Kultur verabscheuen; legen Sie eine Liste aller Dinge an, die Ihnen in der populären Kultur gefallen; was Sie ändern würden, wenn Sie kommunaler Kulturkommissar wären; legen Sie eine Liste aller Dinge an, die Ihnen am städtischen Museum oder der jüngsten Kunstausstellung nicht gefallen (oder sehr gefallen); stellen Sie fest, ob die Schule Ihr Kind zu einer positiven Risikobereitschaft erzieht; schreiben Sie ein Gedicht (oder lassen wir das mit dem Gedicht, schreiben Sie einfach nur ein paar Worte, die Ihnen wichtig sind); vergleichen Sie den Feuilletonteil Ihrer Tageszeitung mit dem Sportteil, dem Wirtschaftsteil und dem Immobilienmarkt. Fragen Sie einen Kollegen, was er gern anschaut, hört, liest, anschließend nutzen Sie einen Teil der zehn Prozent Extrazeit, um seinen Geschmack auszuprobieren.

Risiko No. 3 Ihre Radionutzung:

Rufen Sie bei einem Rundfunksender an und sagen den Leuten dort, was Sie vom Programm halten (überlegen Sie nur mal, was Radio bedeutet – eine ganze Welt aus Klang/Information/Hintergrundlärm, von der Sie überall und fast jeden Tag umgeben sind. Welche Rolle spielt das Radio in Ihrem Leben? Es berührt Ihr Leben – warum also reagieren Sie nicht? Schicken Sie den Radioleuten eine Liste der zehn langweiligsten Titel, die immer wieder gespielt werden, oder einen Kommentar über einen Moderator, den Sie sich jeden Tag anhören müssen; oder teilen Sie Ihren Wunsch nach einem anderen Programm mit. In den USA gilt bei den Sendern jeder Hörerbrief soviel wie 10 000 Hörer, die es nie zu einem Brief bringen!). Vergessen Sie nicht, daß es in der Geschichte des Radios nicht den geringsten Hinweis darauf gibt, daß die Übertragung von Wellen durch den Raum notwendig in einem passiven Hör-Gerät (genannt "Radio") enden muß.

6. Es ist Ihre Kultur.

(Schüttle sie, bis sie tanzt! Oder pack sie, bis sie verfault!)

– Die Sehnsucht nach dem Risiko ist die Sehnsucht danach, unkontrolliert zu sein, etwas zu tun oder zu erleben, das mehr ist als die Summe seiner Teile, etwas Besonderes, Angenehmes, etwas Unberechenbares. Es ist die Sehnsucht, mit seinen Talenten/Gedanken/Alternativen/Ideen "Stoff" zu schaffen, "Material", "Form", Beziehungen, Funktionen, die davor noch überhaupt nicht existierten.

Leben Sie riskant! – Seite 3

Gedanke: Die amerikanische Vorstellung vom kulturellen Risiko ist zu einem "3000-Meter-über-Las-Vegas-Fallschirmspringen-mit-Elvis" verkommen, zu körperlichen Herausforderungen wie Segelfliegen, Klettern, Bungee-Springen (um dann anschließend für sechs Stunden auf der Couch vorm Fernseher zu liegen). Soll auch Ihr kulturelles Leben in diese Richtung gehen?

UNTERNEHMEN SIE WAS!

– Gehen Sie demnächst bei Ihrem Kulturlieferanten vorbei und sagen ihm: "Das Buch/die Zeitschrift/die Software/das Video/die CD, die/das Sie mir verkauft haben, fordert mich nicht. Warum haben Sie es mir empfohlen?" Vielleicht ergibt sich daraus ja eine interessante Unterhaltung. Vielleicht können sich die Händler bald eine Art teilnehmender Kundschaft vorstellen, die zum überraschenden Kauf neigt, und das führt dann vielleicht zu einem größeren Angebot.

– Der Vorgang "Risiko" ist niemals schlicht und einfach, er ist beherrscht/getrickst, überlegt/überstürzt, kreativ/korrupt wie das ganze übrige Leben auch. Unsere Kultur besteht aus lauter Strukturen und Rahmenbedingungen, die als Ausgangspunkt (oder Sprungbrett) dienen. Wir bauen unser Leben auf, indem wir diese Erinnerungen/Hierarchien mit Bedeutung/Material mischen/verzerren. Die Mutationen, die sich dabei ergeben, gewinnen manchmal ein eigenes Gewicht, eine eigene Form, die ganz und gar unberechenbar ist – sie wäre niemals nur durch reines Denken oder kühles Handeln entstanden.

In diesen kostbaren Augenblicken äußert sich das Risiko in Reinform – dann ist es das echte Vergnügen! Alles andere ist nur Übung, Arbeit, Können, Wiederholung, Vorbereitung, Spaß, Intellektualität...

– Risiko und persönliche Verantwortung gehören zusammen. Größere persönliche Verantwortung bedeutet auch, im Kopf mehr wagen können. Ein Risiko ohne persönliche Verantwortung einzugehen ist wie...? Ein Söldner? Ein Politiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts? Lottospielen? Amerikanisches Fernsehen?

Und schließlich: – Kommt alles auf Erziehung und Familie an, unsere beiden Grunderfahrungen. Wenn Risikobereitschaft ein kreatives kulturelles Instrument sein soll, muß es bereits in den ersten Lebensjahren in der Familie und in der Schule entwickelt und gefördert werden. Ein größer werdendes Gewebe möglicher Verbindungen, ein Netzwerk selbständig gewählter Ausgangspunkte sowie eine Intelligenz, die Gefallen am "Möglichen" findet, ist dem allein funktionsorientierten Übertragungssystem, in dem wir derzeit leben, bei weitem vorzuziehen.

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Risiko gedeiht im Bereich der Überraschung, im Land der Möglichkeiten. Es besteht in einer Architektur der Individualität, ist umgeben von einer Helix aus Erinnerungen, die sich ins Chaosbad stürzt. Wie man dorthin gelangt? Versuchen Sie Ihr Glück!

Wer nicht bereit ist, das Ufer lange Zeit aus den Augen zu verlieren, wird niemals neue Länder entdecken. André Gide