Gedanke: Die amerikanische Vorstellung vom kulturellen Risiko ist zu einem "3000-Meter-über-Las-Vegas-Fallschirmspringen-mit-Elvis" verkommen, zu körperlichen Herausforderungen wie Segelfliegen, Klettern, Bungee-Springen (um dann anschließend für sechs Stunden auf der Couch vorm Fernseher zu liegen). Soll auch Ihr kulturelles Leben in diese Richtung gehen?

UNTERNEHMEN SIE WAS!

– Gehen Sie demnächst bei Ihrem Kulturlieferanten vorbei und sagen ihm: "Das Buch/die Zeitschrift/die Software/das Video/die CD, die/das Sie mir verkauft haben, fordert mich nicht. Warum haben Sie es mir empfohlen?" Vielleicht ergibt sich daraus ja eine interessante Unterhaltung. Vielleicht können sich die Händler bald eine Art teilnehmender Kundschaft vorstellen, die zum überraschenden Kauf neigt, und das führt dann vielleicht zu einem größeren Angebot.

– Der Vorgang "Risiko" ist niemals schlicht und einfach, er ist beherrscht/getrickst, überlegt/überstürzt, kreativ/korrupt wie das ganze übrige Leben auch. Unsere Kultur besteht aus lauter Strukturen und Rahmenbedingungen, die als Ausgangspunkt (oder Sprungbrett) dienen. Wir bauen unser Leben auf, indem wir diese Erinnerungen/Hierarchien mit Bedeutung/Material mischen/verzerren. Die Mutationen, die sich dabei ergeben, gewinnen manchmal ein eigenes Gewicht, eine eigene Form, die ganz und gar unberechenbar ist – sie wäre niemals nur durch reines Denken oder kühles Handeln entstanden.

In diesen kostbaren Augenblicken äußert sich das Risiko in Reinform – dann ist es das echte Vergnügen! Alles andere ist nur Übung, Arbeit, Können, Wiederholung, Vorbereitung, Spaß, Intellektualität...

– Risiko und persönliche Verantwortung gehören zusammen. Größere persönliche Verantwortung bedeutet auch, im Kopf mehr wagen können. Ein Risiko ohne persönliche Verantwortung einzugehen ist wie...? Ein Söldner? Ein Politiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts? Lottospielen? Amerikanisches Fernsehen?

Und schließlich: – Kommt alles auf Erziehung und Familie an, unsere beiden Grunderfahrungen. Wenn Risikobereitschaft ein kreatives kulturelles Instrument sein soll, muß es bereits in den ersten Lebensjahren in der Familie und in der Schule entwickelt und gefördert werden. Ein größer werdendes Gewebe möglicher Verbindungen, ein Netzwerk selbständig gewählter Ausgangspunkte sowie eine Intelligenz, die Gefallen am "Möglichen" findet, ist dem allein funktionsorientierten Übertragungssystem, in dem wir derzeit leben, bei weitem vorzuziehen.