Von Gunhild Lütge

Kurz vor Weihnachten war die Überraschung perfekt: Heinrich von Pierer, Vorstandsvorsitzender des Münchner Elektrogiganten Siemens, will in Ostdeutschland eines der größten Mikroelektronikzentren Europas errichten. Dabei sah es Mitte 1992 noch so aus, als sei alle Mühe vergeblich gewesen. Von Pierer, seinerzeit gerade designierter Siemens-Chef, verkündete damals ebenso überraschend: Der Konzern wird keine neue Chipfabrik bauen.

Dieses Statement kam ausgerechnet zu einer Zeit, in der sich erstmals Vertreter aus Politik und Wirtschaft in einer exklusiven Runde zusammengefunden hatten, um ein Experiment zu wagen. Abgesandte aus den Unternehmen Siemens, Daimler, Bosch und dem amerikanischen Computerbauer IBM wollten mit vereinten Kräften den Fortschritt in der Mikroelektronik vorantreiben. Dazu gehörte auch die Idee, gemeinsam eine Chipfabrik zu finanzieren. Doch als es nicht mehr nur um abstrakte Ziele, sondern konkret ums Geld ging, endete die Harmonie.

Die rigorose Absage aus München wirkte wie ein Schock. Siemens spielte damals nicht nur zufällig eine Hauptrolle in den Gesprächen. Von Pierers Vorgänger, Karlheinz Kaske, hatte Milliarden in das sogenannte Mega-Projekt gesteckt, mit dem die Deutschen Mitte der achtziger Jahre die Aufholjagd mit den Japanern aufnahmen, um die gefürchtete Abhängigkeit bei dem elektronischen Rohstoff vom Fernen Osten zu verringern. Und nun, nachdem das technologische Ziel erreicht war, sah es ganz so aus, als verabschiede sich mit Siemens der letzte europäische Anbieter aus der Produktion von D-RAMS, so der spröde Name des gängigsten Speicherchips.

Seit wenigen Tagen schöpfen nun all jene, die Europa schon ins technologische Abseits driften sahen, wieder Hoffnung. Von Pierer fuhr persönlich an den Ort des Geschehens, um seinen Meinungswandel öffentlich zu erklären: In Dresden sollen rund zwei Milliarden Mark in das ehrgeizige Projekt fließen. Es werden rund 1200 Arbeitsplätze entstehen.

Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und Bundesforschungsminister Paul Krüger ließen es sich nicht nehmen, dem Topmanager bei der Verkündung der frohen Botschaft zur Seite zu stehen. Ihr Engagement beschränkt sich indes nicht allein auf persönliche Präsenz vor der Presse. Beide Politiker sagten von Pierer stattliche finanzielle Hilfen zu, um ihm seine Entscheidung zu erleichtern.

So kann Siemens laut einer Ankündigung aus der Sächsischen Staatskanzlei mit rund 300 Millionen Mark allein aus dem Budget des Forschungsministers rechnen, verteilt auf die nächsten zehn Jahre. Und Ministerpräsident Biedenkopf zapft eine weitere Geldquelle an, um Dresden zum High-Tech-Standort zu machen: jene Regionalförderung, an der sich Brüssel, der Bund und die jeweiligen Länder beteiligen, wenn es darum geht, armen Regionen eine Chance zur wirtschaftlichen Entwicklung zu geben.