Von Taslima Nasrin

DHAKA. – Gestern, auf einer Versammlung vor der Nationalen Moschee hier in der Hauptstadt Bangladeschs, forderte eine Menschenmenge von 10 000 muslimischen Fundamentalisten meinen Tod.

Die Gruppe, die mit einer Fatwa, einem religiösen Rechtsgutachten, die Todesstrafe gegen mich verhängte, nennt sich Rat der Soldaten des Islam. Weitere fundamentalistische Gruppen haben sich ihr angeschlossen. Sie verlangen von der Regierung, meine Bücher zu verbieten und über "Gotteslästerer" wie mich das Todesurteil zu sprechen.

Mein jüngstes Buch, "Lajja" ("Schande"), handelt von einer Hindu-Familie, die nach der Zerstörung der indischen Ayodhya-Moschee im Dezember 1992 in Bangladesch verfolgt wurde. In Indien töteten fundamentalistische Hindus unschuldige Muslime; in Pakistan und Bangladesch verfolgten fundamentalistische Muslime Hindus und brannten ihre Tempel nieder.

Nachdem in diesem Sommer 50 000 Exemplare meines Romans verkauft worden waren, verbot die Regierung, von den Fundamentalisten unter Druck gesetzt, mein Buch unter dem Vorwand, es führe zu "Mißverständnissen zwischen den Glaubensgemeinschaften".

Doch ich lasse mir den Mund nicht verbieten. Wo ich auch hinsehe, werden Frauen mißhandelt, wird ihre Unterdrückung im Namen der Religion gerechtfertigt. Habe ich nicht die moralische Verantwortung zu protestieren?

Es gibt Männer, die ihre Frauen am liebsten in der Küche anketten würden – verschleiert und des Lesens und Schreibens unkundig. In meinem Land leben sechzig Millionen Frauen; gerade fünfzehn Prozent von ihnen können lesen und schreiben.