Von Joachim Fritz-Vannahme

Mit pastellgelber Fassade und weißem Giebelheiligen strahlt das Freiburger "Haus zur lieben Hand" so barock, wie sein Name klingt. Dort hat seit 1989 das Frankreich-Zentrum der Universität Freiburg seinen Sitz. Interdisziplinär, international und berufsorientiert will es in einem viersemestrigen Aufbaustudiengang und einem Graduierten-Kolleg (seit 1992) dem Bild des Nachbarn schärfere Konturen geben. Die Hälfte der Dozenten kommt von renommierten französischen Universitäten, unterrichtet wird in Deutsch und Französisch. Wer zugelassen wurde und nach vier Semestern seine Seminarzeugnisse beisammen hat, das Fachsprachenexamen und zwei mündlichen Prüfungen bestand, darf seine Visitenkarte mit dem "Diplom Interdisziplinäre Frankreich-Studien" schmücken. Voraussetzung für die Zulassung (der nächste Jahrgang hat noch bis zum 7. Januar Zeit für die Anmeldung; Telephon: 0761-203 49 09) ist neben guten Französischkenntnissen und einem überdurchschnittlichen Studienabschluß wohl auch ein guter Schuß Askese: Die 25 Absolventen des derzeitigen Schlußsemesters, viele von ihnen Lehrer und Bankangestellte, büffeln sich klaglos, ja lustvoll durch einen engmaschigen Stundenplan. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie mit Stipendien, Darlehen oder mit dem Ersparten.

Unter den Studierenden sind die Romanisten in der Mehrzahl, Juristen und Wirtschaftswissenschaftler aber keine Ausnahme. Schon im ersten Semester kommt keiner um die Einführungen in deutsches und französisches Recht, französische Wirtschaft und Politik, Literatur und Kulturgeographie herum. Im zweiten Semester steht ein Praktikum in Frankreich auf dem Programm.

Soziologie, Literatur und Geschichte des modernen Frankreich gehören in den letzten beiden Semestern zum Pflichtkanon, zwischen Philosophie und Kunst oder Recht und Wirtschaft kann gewählt werden. Der Arbeitsdruck ist gewaltig, doch regt sich im Gespräch mit den Endsemestern kein Widerspruch dagegen. Aufbruchstimmung und Avantgardebewußtsein helfen am ersten Frankreich-Zentrum dieser Art über den Streß hinweg.

Geschätzt wird nicht nur das fachsprengende Wissen, sondern auch das "Sub-Wissen", all das, was im Umgang mit französischen Dozenten und während des Praktikums "nebenbei" über Frankreich mehr erfahren denn erlernt wird. Fern liegt Frankreich etwa den Wirtschaftswissenschaftlern, jedenfalls von ihrem Fach her, das durch und durch angloamerikanisch geprägt ist. Fern lag unser Nachbarland aber auch vielen Romanisten, die zwar fein zwischen Subjonctif I und Subjonctif II zu unterscheiden lernten, denen aber der kulturelle Habitus, die mentalité der Franzosen oft fremd blieb.

Zur Ur- und Frühgeschichte des Frankreich-Zentrums gehört Lothar Späths kritische Rede gegen die Romanisten auf deren Jahrestagung 1988 in Freiburg. Der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg warf der Zunft Weltfremdheit vor.

Die Ironie der Geschichte will, daß eine Gutachterkommission im Auftrag der Stuttgarter Regierung dem Zentrum soeben seine Berufsbezogenheit vorhielt und statt des Praktikums lieber hausbacken ein Gastsemester auf einer französischen Universität ins Programm gerückt sehen will. Nach dem Besuch der Kommission wurde der Etat von 1,2 auf eine Million Mark jährlich gekürzt, statt 25 müssen künftig 35 Studenten pro Jahrgang aufgenommen werden. Doch auch dann, so tröstet Manfred Löwisch, Rektor der Universität und selber Kommissionsmitglied, drohe noch kein Niveauverlust.