Als Noah im zwölften Monat seines so rund viertausendsechshundertsten Lebensjahres stand, brachen alle Brunnen der großen Tiefe auf und ein Regen kam auf Erden vierzehn Tage und vierzehn Nächte. Und Noah begab sich in einen Kasten aus Ziegelsteinen, der drei Stockwerke hatte, und er begab sich sicherheitshalber in das oberste Stockwerk, wo ein anderer Kasten stand, aus dem es bunt flimmerte. Und der Herr schloß hinter ihm zu.

Und Noah hörte um acht Uhr in der "Tagesschau", daß um neun Uhr die Hochwassermauer in Köln überflutet sein werde, und er hörte um ein Uhr nachts im "Tagesthemen"-Extra, daß die Hochwassermauer in Köln um neun Uhr überflutet worden sei, und sah zum Beweis für die Nachricht einen Reporter im schwarzen Wasserstrom stehen.

Und Noah sah, daß der Herr die Fluten seiner Brunnen dieses Mal durch die Wasserklosetts der Menschen steigen ließ, worauf es in ihren Häusern entsetzlich zu stinken begann, und daß das Wasser, als es die Sicherungskästen überflutete, zu kochen anhub und kochte und stank, bis das Heizöl aus den geplatzten Tanks im Keller den Gestank übertönte. Und er sah, wie sich der freiwilligen Feuerwehr unablässig neue Einsatzschwerpunkte ergaben, worauf sie neue Einsatzabschnitte eröffnete und dorthin neue Einsatzkräfte entsandte.

Und all dies sah Noah mit Wohlgefallen, denn er wußte, daß das Land sich ändern muß, zurückfinden zu den alten erprobten Werten wie Gemeinsinn und Nachbarschaftshilfe. Und er sah das Land unter Wasser auf dem richtigen Weg. Er sah "West 3-aktuell-spezial" und das "ZDF-Hochwasser-Extra" und fühlte, wie die Menschen wieder zu einer Gemeinde zusammenschmolzen und gemeinsam vor dem Fernseher auf die neusten Wasserstandsmeldungen von Pastor Wickert warteten.

Außerdem hatte Noah längst die "Männerphantasien" von Klaus Theweleit gelesen und gelernt, daß, psychoanalytisch betrachtet, der Dammbau Sache faschistischer Gewaltherrscher war, reinigende und nicht zu bändigende Fluten aber der Urquell all ihrer Ängste. Und Noah stellte sich vor, wie das Hochwasser alle faschistischen Männerphantasien in einer Flut aus Heizöl und verdünnter, kochender Scheiße den Rhein hinunter ins Meer spülte, und grinste, weil er die Vorstellung ganz prima fand.

Lebte die Nation also nicht schon die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, bevor sie gehalten worden war? Und eilten nicht schon aus den trockenen Landesteilen unzählige Bürger in die überschwemmten Gebiete, um ihren Mitbürgern tatkräftig beizustehen in der Not? Aber da sah Noah, daß die Angereisten ihre Photo- und Videokameras auspackten, statt anzupacken, und sich bloß Bilder davon machten, wie ihre Mitbürger sich im Schweiße ihrer Angesichter selber halfen. Der Spaziergang durch die überschwemmte Altstadt sei wie Fernsehen mit Fernbedienung, sagte einer: jede Straße ein anderer Film. Vor einem Haus im Wasser drohte ein Anwohner den Schaulustigen, darunter zwei Fernsehteams, von denen eines das andere filmte, ihnen mal kräftig was auf den Kopf zu hauen, stieg dann in sein Auto und schwamm davon.

Da ahnte Noah, daß die Dinge irgendwie schiefliefen. Und als er hörte, daß die Fluten überhaupt keinen männerphantastisch-antifaschistisch reinigenden Effekt haben, sondern im Gegenteil überall jede Menge klebrigen braunen Schlamm zurücklassen würden, griff er zum Hörer und führte ein langes, ernstes, leider völlig ergebnisloses Telephongespräch.

Das Hochwasser war inzwischen gesunken. Pastor Wickert würzte wieder mit dem üblichen milden Scherz die abendliche Überleitung zum üblichen milden Wetterbericht. Die Menschen schalteten die Fernseher aus, zogen sich in ihre Schlafgemächer zurück, und der Herr schloß hinter ihnen zu. Robin Detje