Wenn zynische Beamte die Hilfsbereitschaft der Bürger abwürgen

Octavian ist Roma. Er gehört zu jener Bevölkerungsgruppe, deren vollständige Vernichtung durch die Nazis der Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg verhinderte. An die ermordeten Roma erinnert die Inschrift an der Neuen Wache, der zentralen Gedenkstätte, die sich das vereinte Deutschland in der Hauptstadt Berlin geschaffen hat.

Der siebzehnjährige Octavian kam aus Rumänien in das brandenburgische Eisenhüttenstadt, wohin ein Onkel ihn mitgenommen hatte. Der nahm in Deutschland sofort Octavians Paß an sich, versah die Aufnahmeformulare mit einem falschen Namen und falschen Altersangaben und schickte den Jungen nach Berlin. Octavian hieß nun Vasile M.

Frau B. traf Vasile in der Asylberatungsstelle der Gemeinde Zum Heiligen Kreuz in Berlin-Kreuzberg. Sein Asylantrag war gerade abgelehnt worden. Der Junge, dessen Eltern und Geschwister in seiner Heimat ermordet worden waren, war selbstmordgefährdet Im Behandlungszentrum für Folteropfer kamen den Ärzten Zweifel, ob er wirklich schon siebzehn Jahre alt war. Vasile wirkte nicht wie ein junger Erwachsener, sondern wie ein Kind, das durch schreckliche Erlebnisse schnell gealtert war.

Mit Einverständnis der Heimleitung nahm Frau B. Vasile in ihrer Familie auf, wo er drei Monate lang blieb. Er faßte Vertrauen, erzählte seine Geschichte, gab seine Identität preis. Vasile war Octavian. Da er glaubte, in Deutschland keine Zukunft zu haben, entschloß er sich, nach Rumänien zurückzukehren, wo er mit Hilfe der Familie B. eine Ausbildung erhalten sollte.

Um eine überstürzte Ausweisung zu verhindern, die diese Zukunftspläne zunichte gemacht hätte, bemühte sich Frau B. um eine Neuaufnahme des Asylverfahrens. Das Verwaltungsgericht verfügte, daß Octavian bis zur Entscheidung, die auf sich warten ließ, nicht abgeschoben werden dürfe.

Mit Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes organisierte Frau B. die freiwillige Rückkehr Octavians. Dafür war eine Grenzübertrittsbescheinigung der Ausländerbehörde notwendig, die wiederum nur bei Rücknahme des Asylantrags zu erhalten war. Frau B. leistete die notwendige Unterschrift. Die Zusicherung der Nichtabschiebung wurde wirkungslos.