Von Ernst von Borsig

Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, daß es der größten Anspannung aller Kräfte und eines entschiedenen Reformwillens auf allen Gebieten bedarf, um Volk und Wirtschaft aus Not und Pessimismus herauszuführen. Die wachsende Arbeitslosigkeit, die erschreckend groß geworden und deren Ende noch nicht abzusehen ist, macht auch diejenigen stutzig, die bisher glaubten, es könnte alles im alten Geleise weiterlaufen.

Die Erwerbslosigkeit ist ein weithin sichtbarer Manometer für den Depressionsdruck der deutschen Wirtschaft geworden, ihre Bekämpfung zu einem Prüfstein für die schöpferische Kraft der deutschen Politik nicht minder wie für die Stärke des Gemeinschaftssinns und Verantwortungsgefühls in den tragenden Schichten der deutschen Wirtschaft, bei den Unternehmern und den Arbeitnehmern. Gerade der deutsche Unternehmer hat das größte Interesse daran, die Arbeitslosigkeit verringert zu sehen, und ist bereit, sich in die Front ihrer Bekämpfung zu stellen.

Dies Bekenntnis, so selbstverständlich es auch ist, scheint dennoch nicht überflüssig, weil es nicht an Stimmen fehlt, die wieder einmal den Unternehmer für die Volksnot der Arbeitslosigkeit verantwortlich machen. Sogar der frühere Reichsarbeitsminister Wissel hat vor kurzem erklärt, die Hauptschuld an der herrschenden Arbeitslosigkeit trüge die schlechte Wirtschaftsführung der Unternehmer, die Rationalisierung auf Kosten der Arbeiter getrieben hätten.

Dabei sind es gerade die Gewerkschaften gewesen, die in den letzten Jahren ständig Rationalisierung verlangt haben, und zwar aus sozialen Gründen. Auf jeden Unternehmereinwand, daß höhere Löhne zur Zeit nicht bewilligt werden könnten, wurde entgegnet: Rationalisiert mehr, baut die Betriebe technisch aus, dann können die höheren Löhne schon gezahlt werden. Die Parole vom Lohndruck als Rationalisierungspeitsche für den Unternehmer ist im gewerkschaftlichen Lager geprägt worden. Und jetzt sollen mit einem Mal die Unternehmer zuviel und zu einseitig rationalisiert haben? Dieser handgreifliche Widerspruch kann den Unternehmer nicht treffen.

Der deutsche Unternehmer hat das größte Interesse an der Verringerung der Arbeitslosigkeit. Einmal weiß er als Mann der Wirtschaft, daß Arbeitslosigkeit nur die soziale Kehrseite einer eingeschrumpften Beschäftigung, also einer wirtschaftlichen Depression ist, die gerade ihn aufs schärfste angreift und viele Unternehmer in ihrer Existenz bedroht. Als sozialer Mensch weiß er die Volksnot zu würdigen, die eine große Arbeitslosigkeit bedeutet. Als Staatsbürger sieht er die Zerrüttung von Kraft und Moral, die sich im grauen Heer der Arbeitslosen täglich vollzieht, und weiß, daß Arbeit, Auskommen und Ordnung unerläßliche Fundamente für Bestand und Gesundheit eines modernen großen Staates sind. Er ist also bereit, dem Ruf zur Eindämmung der Arbeitslosigkeit zu folgen und sich in die Front der Gemeinschaftsarbeit zu stellen. Er verlangt aber, daß das die "andere Seite", die Arbeitnehmerschaft und ihre Vertretungen, auch tun.

Es geht nicht an, daß man von der Wirtschaft "Mittel und Willen" verlangt, die Arbeitslosigkeit zu verringern, daß aber diesmal die Gewerkschaften sich selbst offenbar nicht zur Wirtschaft rechnen, daß sie von der Initiative und verantwortlichen Mitarbeit bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit entbunden werden wollen.