Jetzt liegen in Treuhand-Depots 11 000 Objekte einst bestellter DDR-Kunst, in Auftrag gegeben von einstigen Parteien oder Massenorganisationen. Dazu könnte es irgendwann zwei Abhandlungen geben: eine Art Geheimlehre und eine Volksausgabe.

In der ersten wäre von historischen Dokumenten die Rede, von Zusammenhängen, mühevoll rekonstruierten, von genauen Quellen, pedantischen Chroniken und detaillierten Biographien. In der Volksausgabe steht es einfacher: daß der DDR-Künstler zumeist akademische Ausbildung erfuhr, reiselustiger war, als es schien, gern in Gruppen auftrat und überwiegend freiberuflich schaffte. Und daß er sich bevorzugt mit Auftragskunst durchbrachte: Stilleben, Landschaft, Genre. Portrait vom vorbildlichen Aktivisten und Helden der Arbeit mit Schutzhelm im Goldrahmen als Dreiviertelfigur vor neutralem Hintergrund. Auch mit Graphik voll von literarischem Pathos und architekturbezogener Kunst als Illustration für die zehn Gebote der sozialistischen Moral. Des weiteren, daß man diese "Besteller-Kunst" je nach Auftraggeber mehr oder minder parteilich, lebensnah, volksverbunden fertigte. Details liefern Stichpunkte wie Bitterfelder Weg, Dresdner Kunstausstellung sowie Klientel, Reisepolitik, Verbandswesen, Viererbande. – Ende der Vermutung.

Daß es so einfach nicht geht, war die einzige Gewißheit, die das Symposium "Die Kunst der Parteien und Massenorganisation" in Berlin im Dezember 1993 erbrachte. Es gab nicht einmal "sichere" Autoritäten. Am Ende schienen allesamt gleich unsicher und in "Begründungsnot", wie mit den Beständen nun zu verfahren sei. Archivieren, wegschließen, versteigern, erforschen oder gar ausstellen? Abstand gewinnen (sind zehn Jahre genug) oder Kategorien aufstellen (wie sind diese zu klassifizieren)? Schon wie das Thema formuliert war ("Auf der Suche nach dem verlorenen Staat"), war von der einen Seite Apologetik gesetzt und von der anderen Opposition programmiert. Ostalgie hier und Hyperkritik da, mentale Denkmalpflege, Bitterfelder Sehnsucht, Schreckenskammervisionen und sentimentales Unterfutter, daß ja doch nicht alles schlecht war.

Es fehlte der Referent, der sachkundig und ruhig beschrieb, wie das Auftragsgeschäft tatsächlich lief. Wieviel Chuzpe dabei war, Pragmatik, Idealismus, Berechnung, Scham. Wahrscheinlich verlief die Unfreiheit sublimer, als sich für diesmal vom "abgeschlossenen Sammelgebiet" DDR-Auftragskunst sehen ließ.

Die wenigen Beispiele, die man als Zeugnisse überhaupt vor Augen bekam, waren entweder groß, kitsch-abscheulich oder beides. Es ging auch nicht um die Heiligtümer der DDR-Kunst, die sich schon musealer Wertschätzung erfreuen. Es ging um eine Art Geschichtsschreibung in Bildern. Und die war und ist nie objektiv. Sie bleibt eiskalt an ihre Zeit gebunden.

Vielleicht ist jetzt nur Zeit für die Volksausgabe. Und ob Abstand, Geld und Kraft für anderes bleibt, kann man nur hoffen. Aber wie auch immer entschieden wird: Rettet zumindest die Rahmen. Thea Herold