Robert Leicht: Trägt die Demokratie nicht den Keim der Zerstörung in sich selber – zumindest dann, wenn ihr Personal versagt? Woher rührt das Unbehagen an der politischen Klasse? Und andererseits: Woher rührt das Unbehagen der politischen Klasse am Volk?

Wilhelm Hennis: Was hält die demokratische Gesellschaft zusammen? Was sie natürlich zuerst und vor allem anderen zusammenhält, ist die Verbindlichkeit der demokratischen Herrschaft.

Erlauben Sie mir eine Erinnerung und zwei, drei Thesen.

Die Erinnerung: Deutschland ist unter den vergleichbaren europäischen Großstaaten seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts immer das Land mit der schwächsten politischen Führungsschicht gewesen. Dabei verstehe ich unter einer politischen Führungsschicht ausschließlich eine Schicht, die politisch führen will – was ihre Qualitäten sind, ist eine ganz andere Geschichte. Sie will führen, weil mit der politischen Führung Macht, Einfluß, Reichtum verbunden waren. Und da das so ist, ist politische Führungsschicht bis in die vierziger Jahre hinein, jedenfalls in England, in Amerika, zum Teil noch heute nicht etwa bestimmt durch eine Summe von Individuen. Eine Führungsschicht setzt sich vielmehr zusammen aus Familien, die für die Aufgabe der politischen Führung Individuen stellen, gewissermaßen abstellen: Der Älteste übernimmt den großen Besitz, einer dient im Militär, einer wird Geistlicher, und einer geht in die Politik.

Deutschland war nun das Land unter den großen konstitutionellen Monarchien Westeuropas, in dem die Schicht, die politisch führen will – nicht dienen, sondern führen will –, besonders schwach war. Das hat im wesentlichen eine historische Ursache: die große Aufräumaktion am Ende der Napoleonischen Zeit, wo schockweise die über Jahrhunderte in Deutschland politisch führenden Familien zur Seite geschoben, mediatisiert wurden. Sie wurden unglaublich reich abgefunden, blieben reicher als die Hohenzollern und die Wittelsbacher: die Waldburgs, die Hohenlohes, die Fürstenbergs. Aber sie wurden politisch bedeutungslos.

Der übrige deutsche Adel hat nie den Anspruch erhoben, politisch führen zu wollen. Er wurde in einem langen Erziehungsprozeß dazu gebracht, politisch zu dienen. Dafür wurde er natürlich anständig honoriert, aber er hatte nicht, wie der englische Adel, den Ehrgeiz, politisch zu führen.

Das deutsche Bürgertum hat nie einen starken politischen Ehrgeiz gehabt, war auch kaum je durch Familien abgestützt, die in die politische Führung hineingehen wollten. Ohne den Rückhalt einer Familie, möglichst einer reichen Familie, hatten sie gar nicht die Freiheit, mit großem Erfolg in die Politik hineinzugehen. Max Weber und Joseph Schumpeter haben das in hinreißenden Arbeiten dargestellt, diese spezifische Schwäche der zur Führung prädestinierten oder sie anstrebenden Schichten in Deutschland.