Worauf die Deutschen im abgelaufenen Jahr vergeblich hofften, soll nun 1994 wahr werden: ein Ende der schlimmsten Rezession in der Geschichte der Bundesrepublik. Die meisten Forscher erwarten jedenfalls, daß die westdeutsche Wirtschaft im neuen Jahr wieder bescheiden wächst. Vorsicht ist jedoch geboten: Für das abgelaufene Jahr hatten die Experten mehrheitlich Nullwachstum in Aussicht gestellt. In Wirklichkeit ist die Wirtschaftsleistung jedoch um rund zwei Prozent geschrumpft. Damit hatten auch die größten Pessimisten nicht gerechnet.

Jetzt hoffen die Optimisten, unter ihnen etwa das Münchner Ifo-Institut, auf das Ausland. Nach Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) können die Industrieländer im Durchschnitt mit einem Wachstum von zwei Prozent rechnen. In Südostasien hält der Boom an (plus 6,1 Prozent), die Vereinigten Staaten erholen sich (plus 3 Prozent), Japan stagniert noch. In der Summe könnte dies zu einer höheren Nachfrage für deutsche Exporteure führen. Die inzwischen deutlich niedrigeren Zinsen könnten auch in Westeuropa der Konjunktur auf die Beine helfen. Die OECD erwartet hier ein Plus von 1,5 Prozent.

Ihre Hoffnung setzen die Konjunktur-Optimisten auch auf die Lohnentwicklung. Weithin unbeachtet sind die Lohnstückkosten schon seit Anfang 1993 gefallen. Nach der Bundesbank-Statistik sank der Index der Lohnkosten je Produkteinheit seit Januar 1993 um fünf Punkte. Enno Langfeldt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft erklärt dies mit dem massiven Stellenabbau in der Industrie und meint: "Die Arbeitsplätze, die jetzt noch bestehen, sind hoch wettbewerbsfähig." Außerdem ist die D-Mark vor allem im Vergleich zu Yen und Dollar billiger geworden – auch dies stärkt die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure. Höhere Ausfuhren und neue Investitionen könnten dann die Konjunktur in Gang setzen. Von einem regelrechten Aufschwung wollen aber auch die Optimisten noch nicht reden.

Zum Lager der Pessimisten gehören dagegen der Sachverständigenrat, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), ebenso die Bundesbank und einige Großbanken. Herbert Hax, der Vorsitzende des Sachverständigenrates, sieht "keine Anzeichen dafür, daß es 1994 zu einer merklichen Erholung kommen wird". Die Düsseldorfer West LB verwendet das Bild von der "Wellblechkonjunktur": Auf den schwachen Wiederanstieg der Produktion im zweiten und dritten Quartal 1993 könnte ein Abwärtsknick folgen, so daß zumindest bis zur Jahresmitte keine stabile Belebung zu erwarten wäre. Das DIW glaubt, daß die Geldpolitik weiterhin die Konjunktur hemmt. Da kurzfristig angelegtes Geld auch jetzt noch einen höheren Ertrag bringe als langfristiges, werde der Investitionsmotor noch nicht wieder anspringen. Solange dieses Mißverhältnis besteht, so warnt auch die OECD, lohnt es sich für die Unternehmen nicht, neues Sachkapital zu bilden.

Eine schwere Belastung für die Konjunktur bedeuten die Steuer- und Abgabeerhöhungen, die Anfang 1994 in Kraft treten: Die verfügbaren Einkommen, wegen der zu erwartenden mageren Lohnabschlüsse ohnehin unter Druck, werden dadurch um rund 1,5 Prozent gekürzt. Dies schwächt den privaten Konsum und wird die Krise verlängern, argumentiert das DIW. Auf den Konsum drückt im übrigen auch die wachsende Arbeitslosigkeit. Die Pessimisten halten es auch für verfrüht, bereits auf einen Anschub der Konjunktur durch den Export zu hoffen: In Westeuropa, wohin rund zwei Drittel der deutschen Ausfuhren gehen, ist der Aufschwung noch zu schwach, auf den dynamischen Märkten Südostasiens sind die Deutschen noch viel zuwenig präsent.

Bei den Prognosen für Ostdeutschland gibt es weitgehende Übereinstimmung: Die Wirtschaftsleistung wird weiter steigen, die Arbeitslosigkeit allenfalls noch geringfügig zunehmen. Grund zur Freude ist dies allerdings nicht, denn noch spricht niemand von einem selbsttragenden Aufschwung in den neuen Bundesländern. Die Produktionszuwächse im Osten hängen immer noch von den Transfers des Staates in dreistelliger Milliardenhöhe ab. Die neuen Länder hängen auf unabsehbare Zeit am Tropf der alten.

Immerhin wächst im Osten nun erstmals auch wieder die Industrie und nicht mehr nur das besonders von Staatsgeldern profitierende Baugewerbe. Gewinner sind allerdings überwiegend noch jene Industriebranchen, die eng mit dem Bausektor verbunden sind. Wie schwach die ostdeutsche Industrie insgesamt noch ist, zeigt der erneute Rückgang der Exporte in der zweiten Hälfte des abgelaufenen Jahres. Dem verarbeitenden Gewerbe in der ehemaligen DDR ist es immer noch nicht gelungen, sich dauerhaft im Westen neue Märkte zu erschließen. Hier liegt der Dreh- und Angelpunkt für die Zukunft der ostdeutschen Wirtschaft.