Einmal, wenigstens einmal im Jahr, könnte die Astronomie eine Sternstunde erleben: Dann, wenn das ganze Volk, mitten in der Nacht, ins Freie drängelt, seine Blicke zum Himmelszelt richtet und verzückt die Augen aufreißt. Selbst dem Laienauge enthüllen sich jetzt die Wunder des Nachthimmels, und die Sternenkunde tritt aus ihrem wissenschaftlichen Ghetto in das gleißende Licht des öffentlichen Interesses.

Schön wär’s. Doch wir vergnügungssüchtiges Volk sehen zum Jahreswechsel nur krachende Brandsätze und knallende Sektkorken am Firmament; statt den Reizen der Kassiopeia zu erliegen, wenden wir uns höchst irdischen Reizen zu, und die berauschende Veranstaltung endet meist mit einem dicken Kopf am nächsten Morgen. Wieder eine Gelegenheit zu astronomischen Beobachtungen vertan. (Und da die Redaktion dies schon vorausgesehen hat, bleibt den Lesern auch unsere Sternenkarte des mitternächtlichen Nachthimmels erspart – der im übrigen eh meist bedeckt ist.)

Doch gesetzt den Fall die Wolken klarten auf und die alljährliche Knallerei begänne uns irgendwann zu langweilen, aus finanziellen Gründen zu erschöpfen oder uns ökologische Gewissensbisse zu bereiten? Könnte da nicht die Stunde der stillen Verzückungen schlagen? Wäre es nicht immerhin denkbar, daß so mancher bei dieser Gelegenheit einen Sternenhimmel wiederentdeckt, der unsere Vorfahren noch zu großartigen Geschichten anregte, zu mystischen Bildern und allegorischen Träumereien?

Zugegeben, der Himmel ist trübe geworden. Dank unserer großartigen Zivilisationsbeleuchtung ist das Firmament nur noch ein fahler Abglanz seiner selbst. Häuserschluchten und die Fernsehröhre verengen den Blick, die geistige Tradition ist abgerissen, und Zeit hat man sowieso keine. Im übrigen brauchen wir den Sternenhimmel auch nicht mehr wie früher, als er noch nächtliche Uhr und Kalender war, dem Landwirt anzeigte, wann der Acker zu bestellen, der Honig zu schleudern sei oder der Nil über die Ufer trete.

Doch ab und zu erwischt es auch den Homo technicus. Wenn er sich nächtens unvermutet im Freien findet und über ihm zahllose Lichtpunkte zu leuchten beginnen, dann regen sich selbst in seiner gestreßten Brust zaghafte Gedanken an die Weite des Kosmos und die begrenzte Wichtigkeit des Menschen. Ziemlich einsam ist es um uns geworden, seitdem die Wissenschaft in dem früher so belebten Himmelszelt aufgeräumt hat. Da mag sich manch einer krampfhaft an die alten Sagen und Geschichten zu erinnern suchen.

Wem bei seinen philosophischen Höhenflügen allerdings die einfachsten Grundlagen fehlen, wer sich am Himmel ähnlich zurechtfindet wie ein Amazonasindianer im Großstadtverkehr, dem seien die "Sternbilder und ihre Mythen" ans Herz gelegt, die der Wiener Universitätsprofessor Gerhard Fasching zusammengestellt hat (Springer-Verlag). Da werden Wegweiser-Sternkarten für das ganze Jahr gezeigt, die auch einem astronomischen Ignoranten die nächtliche Orientierung ermöglichen. Daneben werden die Sternsagen des Ovid opulent ausgebreitet, das überlieferte Wissen aus verschiedenen Kulturkreisen zitiert und wissenschaftliche Erklärungsmodelle zusammengetragen. Die moderne Weltsicht erscheint dabei nicht als der Weisheit letzter Schluß, sondern nur als derzeit anerkanntes Abbild der Wirklichkeit. "Neben philosophischen und religiösen Bildern stehen naturwissenschaftliche Sichten in wertvoller Relativität", schreibt Fasching dazu, "die Fülle der Bilder aber ist es, aus der das Leben des Menschen erwächst. Sie befreit aus der Enge verabsolutierten Denkens und führt zur Toleranz gegenüber anderen Menschen, anderen Kulturen und anderem Sein." Na denn. Prost Neujahr.

Ulrich Schnabel