Von Ralf-Peter Märtin

Der Comes Marcus Statilius oder, wie er sich jetzt nannte, Ernst von Eibenschütz, erreichte Trier Hauptbahnhof mit dem D-Zug um 18.10 Uhr. Der Zug führte nur die zweite Klasse, und Eibenschütz hatte sein Abteil mit einigen fröhlichen Wehrpflichtigen teilen müssen, die fürs Wochenende zu ihren Familien heimfuhren.

Eibenschütz war gereizt, die Bahnhofshalle dunkel und kalt. Immerhin lungerte ein Gepäckträger herum, der die zwei Koffer umständlich auf seine Karre lud. Eibenschütz fühlte, daß der Kerl ihn scharf beobachtete. Als sie den beleuchteten Vorplatz betraten, warf der Mann die Karre um und stotterte: "Marcus Statilius – Ihr seid zurückgekommen? Erkennt Ihr mich nicht? Ich bin Rufus Blasius, 3. Zenturio der 2. Kohorte, 8. Legion."

"Stehen Sie bequem", sagte Eibenschütz. "Ich freue mich immer, alte Bekannte zu treffen. Bringen Sie das Gepäck in den Gasthof des Columellus rechts vom Forum; ich gehe derweil in den Tempel des Merkur und bringe das übliche Opfer dar."

"O Herr", sprach Blasius und benutzte aus alter Gewohnheit die Anrede, die einem hohen Beamten des Römischen Reiches zustand, "in Augusta Treverorum hat sich vieles verändert. Das Forum ist verschwunden, und den Tempelbezirk haben die Schrebergärtner unter sich aufgeteilt."

"Aha", sagte Eibenschütz. Er wirkte hilflos. Blasius winkte ein Taxi heran. "Wir fahren ins ‚Astarix‘ und trinken ein Glas Wein, Herr. Hotels gibt’s auch in der Nähe." Das Auto fuhr los. Entlang der alten römischen Stadtmauer, dachte Eibenschütz. Schon kam die Porta Nigra ins Blickfeld. Er ließ anhalten. "Sieht doch hervorragend erhalten aus", wandte er sich an Blasius. "Es ist das besterhaltene Stadttor der antiken Welt, überhaupt das größte erhaltene Torwerk aus unserer Zeit", bestätigte der Zenturio. "Die Christen hatten es zu einer Kirche umgebaut. Erst Napoleon gab 1804 den Befehl, den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen."

Das Taxi fuhr weiter, bog links zur Mosel ab. Wieder gebot Eibenschütz Halt. "Die Gebäude dort drüben, Blasius, das müssen doch die vom Kaiser angelegten Getreidespeicher sein, und flußabwärts sehe ich unsere gute alte Brücke: 1700 Jahre in Betrieb, das nenne ich römische Ingenieurskunst!"