LÜBECK. – Das künftige Europa wird gern als Europa der Regionen beschrieben. Wer aber weiß sich unter diesem Schlagwort schon etwas Konkretes vorzustellen? Eine Institution wie die Travemünder Ostsee-Akademie sollte deshalb eigentlich überall offene Türen einrennen, denn ihre Mitarbeiter versuchen seit geraumer Zeit den Begriff mit Leben zu erfüllen. "In den Regionen jedoch ist man zum Teil schon weiter als in den Zentralen", sagt Akademie-Leiter Dietmar Albrecht.

Und erzählt sogleich von einer Sondernummer, die er zu Beginn des Jahres für die Bonner Wochenzeitung Parlament zusammenzustellen hatte. In ihr sollten sich die Völker, die rund um die Ostsee leben, zu ihrer Identität äußern. Mehrere Beiträge wurden von der Redaktion als "zu regionalistisch" abgelehnt. Anstoß erregte insbesondere der Artikel eines jungen polnischen Historikers, der sich mit den zwiespältigen nationalen Gefühlen vieler Menschen in seiner masurischen Heimat auseinandersetzte. Die polnische Regierung könne darin einen Versuch sehen, die Grenzen in Europa zu revidieren, erklärte Parlament in vorauseilendem Gehorsam.

Entgegengesetzte Vorwürfe kommen aus Kreisen jener Heimatvertriebenen, die die Geschichte so gern auf die Leistungen und das Leiden der eigenen Nation verengen und die deutsche Frage ungeachtet aller Verträge weiterhin für offen halten. Ihnen ist die Ostsee-Akademie, kurz gesagt, zu polenfreundlich. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil das Erwachsenenbildungsinstitut seine Existenz gerade den Vertriebenen verdankt.

Die Ostsee-Akademie ist ein Teil des Pommernzentrums in Lübeck-Travemünde. Für seine Errichtung setzten sich die Pommern über Jahre beharrlich ein, bis der Komplex über dem Skandinavienkai aus öffentlichen Mitteln und Spenden gebaut und im September 1988 eröffnet wurde. Er besteht aus einem Apartmenthaus für die Tagungsgäste, einer Kirche, einem Restaurantpavillon und dem Akademie-Gebäude, in dem auch die Pommersche Landsmannschaft und deren Organ, die Pommersche Zeitung, ihren Sitz haben. Organisatorisch und finanziell ist die Akademie eng mit der Sache der Vertriebenen verknüpft. Inhaltlich indes verfolgt sie einen konsequent europäischen Ansatz. Sie versteht sich als Ort, an dem die Ostseeanrainer die Gemeinsamkeiten ihrer Kultur und ihres Raumes entdecken können. Daß die Akademie sich diesem Ziel ungehindert widmen kann, ist zu einem guten Teil das Werk Philipp von Bismarcks. Der Präsident der Ostsee-Akademie stammt selbst aus Hinterpommern. Lange Zeit saß er für die CDU im Europaparlament und war bis vor kurzem auch Sprecher der Pommerschen Landsmannschaft. Einen wie ihn gab es weder bei den Schlesiern noch bei den Ostpreußen. Schon in den siebziger Jahren setzte er sich konsequent für die Verständigung mit Polen ein – ein Kunststück, das der mittlerweile Achtzigjährige so erklärt: "Bei uns herrscht eine Atmosphäre, daß auch jene kommen, die sagen: ‚Der Bismarck macht das alles ganz falsch!‘"

Dietmar Albrecht bezeichnet die Verquickung von Akademie und Vertriebenen mit feinem Lächeln als "Dialektik, die schöpferisch wirkt". Der promovierte Sinologe, der vor 52 Jahren in Neiße geboren wurde, kennt und liebt den Osten wie kaum ein anderer. Was ihn umtreibt, ist eine spezielle Erfahrung: "Wenn ich die Oder überquere, tönen in mir andere Saiten." Unter seiner Leitung hat die Ostsee-Akademie ihre Tätigkeit kontinuierlich ausweiten können. 1993 bot sie insgesamt siebzig Seminare, Konferenzen und Studienfahrten an.

Das Team, das die Veranstaltungen vorbereitet und leitet, ist jedoch vergleichsweise winzig. Neben einigen Hilfskräften und einer Reihe freier Mitarbeiter stehen Dietmar Albrecht drei hauptamtliche Studienleiter zur Seite. So manches Mal hasten sie atemlos ihren Ideen, Erwartungen und Forderungen hinterher. Dennoch nehmen sie sich viel Zeit, um sich mit ihren Besuchern auch abseits der Seminare auszutauschen. Es ist gewiß nicht zuletzt dieses Interesse von Albrecht und seinen Mitarbeitern an fremder Erfahrung, das die Akademie für so viele Ostseeanrainer zu einer geistigen Heimstatt macht. Tagtäglich berichten die Gäste aus Polen, dem Baltikum und Rußland von besorgniserregenden Entwicklungen in ihren Ländern. "Das Pendel wird auch wieder zurückpendeln", resümiert Dietmar Albrecht. "Wohin, weiß zur Zeit noch niemand. Vielleicht bleiben Mittelosteuropa noch zehn Jahre, um die Demokratisierung voranzubringen."

Das drohende Chaos ist ein Grund mehr, sich für das Europa der Regionen einzusetzen. Mit dem Begriff verbinden Albrecht und seine Mitarbeiter keine politischen Forderungen. Ausgangspunkt ist vielmehr die Überlegung, daß sich vernünftige demokratische und wirtschaftliche Strukturen am ehesten in begrenzten Räumen herausbilden können. Damit die Bewohner einer Region ihre Chance nutzen, müssen sie freilich ihrer selbst sicher werden. Dazu gehört es, daß sie ein Bewußtsein für ihre regionale Identität entwickeln, das sich aus der Kenntnis von Geschichte und Kultur, aus dem Miteinander von nationalen Mehrheiten und Minderheiten, von Neusiedlern und Altsiedlern, aus Vergangenheit und Gegenwart formt. Wer nicht weiß, wer er ist, so Albrecht, wird auch wenig Energie aufbringen, sich als Gruppe lebendig zu halten.