Burkhard Müller-Ullrich

Die mittelalterliche Problematik des "gerechten Krieges" ist wieder von brennender Aktualität. Unter Intellektuellen gibt es eine neue (alte) Demarkationslinie: Sie verläuft zwischen Interventionisten und Nichtinterventionisten, zwischen denen, die das Eingreifen der Amerikaner/des Westens/der Uno in Bosnien/Somalia/Haiti fordern, und denen, die dagegen sind.

Gewiß, es gibt eine Zeit zu reden und eine Zeit zu handeln. Es mag sogar sein, daß die erste, zumindest in Exjugoslawien, längst abgelaufen ist. Denn manche Formen von Gerede wirken bloß noch obszön. Zum Beispiel der "Rede-Korridor", den der Kultursender Arte durch eine Liveschaltung zwischen Straßburg und Sarajevo am Sonntag vor Weihnachten schaffen wollte. Michel Piccoli las einen Text, Bernard Kouchner und Bernard-Henri Lévy, die französischen Matadoren des Humanitären, hielten flammende Plädoyers, doch die Teilnehmer auf der anderen Seite reagierten auf die Phrasen – und die angekündigten Weihnachtsbesuche westlicher Intellektueller – nur noch sarkastisch. Ein einheimischer Journalist in Sarajevo schlug vor, Touristen mit Gewehren auszustatten: "Ihr könnt dann auf uns schießen, statt auf uns schießen zu lassen. Für 500 Mark kriegt jeder eine Waffe und kann sich herrlich amüsieren." Worauf der Moderator gnadenlos unbeirrt weiterschwafelte: "Ihr Humor, Zlotan, zeigt, daß das Leben in Sarajevo weitergeht."

Daß trotzdem nicht alles Reden sinn- und hilflos ist, ist in Paris jetzt auch bewiesen worden. Die seit einem Jahr bestehende, von Elie Wiesel geleitete Académie Universelle des Cultures hatte zu ihrem ersten öffentlichen Kongreß ein eindrucksvolles Aufgebot an berühmten Künstlern, Wissenschaftlern, Diplomaten und Publizisten in der Sorbonne versammelt, um über die Legitimität von Interventionen zu diskutieren. Dabei ging es – wie Paul Ricceur erklärte – nicht nur um eine semantische und konzeptuelle Erörterung des Begriffs "Intervention", sondern auch um einen praktischen Beitrag zur Entwicklung eines neuen internationalen Rechts, welches das Spannungsfeld zwischen den leidenden Opfern und den gewaltsamen Helfern ausfüllen soll.

Nachdem der Weltfriede seit Bestehen der Uno im wesentlichen auf dem Prinzip der Nichteinmischung beruht, nachdem das Völkerrecht in der Hauptsache nichts anderes als die gegenseitige Anerkennung staatlicher Souveränität und unverletzlicher Grenzen ist, muß, wer heute militärisches Eingreifen fordert, schon ein paar handfeste Begründungen vorlegen. Gibt es ein "höheres Recht" als das mühsam kodifizierte der internationalen Verträge, ein Recht also, in dessen Namen eine Intervention, "chirurgisch" oder nicht, zu rechtfertigen wäre?

Bronislaw Geremek erinnerte an die Entwicklung des Armenrechts im ausgehenden 12. Jahrhundert: Obwohl Diebstahl zu den schwersten Verbrechen gehörte und oft mit dem Tod bestraft wurde, plädierten manche Scholastiker dafür, dem zu verzeihen, der aus "extremer Not" gehandelt hat. Diese Kategorie besitzt zweifellos revolutionäre Sprengkraft, wie nicht nur Geremek, sondern auch Umberto Eco anmerkte. Für Eco verbindet sich die Thematik der humanitären Intervention überhaupt mit der Thematik der Legitimität von Revolutionen: Es handelt sich in jedem Fall um ein Abreißen der endlosen Kette philosophischer Deduktionen, und ob man richtig gehandelt habe, werde man immer erst hinterher wissen.

Auch Wole Soyinka sprach sich mit Entschiedenheit dafür aus, daß jeder Hilfsaktion innewohnende Risiko des Scheiterns zu akzeptieren: "Hätte man erst die Kultur von Leuten, die tote Soldaten durch die Straßen schleifen und bespucken, ausführlicher studieren sollen?" Toni Morrison empfahl, die Suche nach klar identifizierbaren Bösewichten aufzugeben, wenn es darum gehe, humanitäre Hilfe zu leisten.

Natürlich kam auch die in Paris übliche Rhetorik des Universalismus zum Zuge: Der abstrakten Forderung, den Menschenrechten müsse überall und gleichzeitig zur Durchsetzung verholfen werden, erteilte Hans Magnus Enzensberger seine schon berühmte Absage. Doch seitdem sich sogar im Quartier Latin herumgesprochen hat, daß es auch in Sachen Menschenrechte im Zweifelsfall weniger auf Manifeste und Petitionen als auf Räumpanzer und Flugabwehrraketen ankommt, ist selbst dort eine gewisse Behutsamkeit spürbar. Sie ist freilich von der für die deutsche Diskussion um den Einsatz militärischer Gewalt typischen Behäbigkeit weit entfernt. Den Unterschied macht die französische Geschichtserinnerung, wie sie durch zwei Einschußlöcher im Wandgemälde eines Sitzungszimmers der Sorbonne symbolisiert wird: Ein Messingschild weist darauf hin, daß hier 1944 Deutsche auf die in der Universität verschanzten Résistancekämpfer gezielt hatten. Das Zimmer diente während der Tagung als Aufenthaltsraum für Journalisten.