Von Robin Detje

Diese Geschichte beginnt im Jahr 828 mit dem Diebstahl einiger Knochen unter Zuhilfenahme von Schweinespeck, eintausendeinhundertfünfundsechzig Jahre vor dem Besuch zahlreicher Reporter in der Stadt. Sie findet ihren vorläufigen Höhepunkt im Dezember 1993 mit der Rettung eines steinernen Baudenkmals durch den massiven Einsatz von Kunststoffschaum und -lösung.

Im 9. Jahrhundert waren die Bürger Venedigs ihres Schutzheiligen St. Theodor überdrüssig geworden und hatten, je nach Quelle entweder gezielt durch ein räuberisches Sondereinsatzkommando oder eher nebenbei durch reisende Kaufleute, in Alexandria die Gebeine des Evangelisten Markus stehlen lassen. Zwischen den für Mohammedaner unberührbaren Schweineschwarten versteckt, passierten die Reliquien den alexandrinischen Zoll. Um sie herum errichtete man in Venedig stolz die Hauskirche des Dogen – San Marco.

Im Jahr 976 verbrannten mit dem Dogenpalast und San Marco vermutlich auch die heiligen Knochen. Die trotzdem auf wunderbare Weise wieder auftauchten und 1094 unter dem Hauptaltar der neuen Markuskirche eingemauert wurden. Deshalb feiert die Stadt Venedig 1994 das "Anno Marciano", das Markusjahr.

Die Markuskirche am Markusplatz zu Venedig sieht ein bißchen so aus wie ein großes Stück türkischer Honig, an dem sammelwütige Venezianer die Ausbeute hundertjähriger Flohmarktbesuche festgeklebt haben. Die Geschichtsbücher verraten, daß die Flohmarktbesuche recht blutig verlaufen sind und man korrekterweise byzantinischer Honig sagen muß. Als Urzelle von San Marco gilt heute manchen die Krypta der Kirche, von deren Existenz der Tourist auf dem verschrobenen und verschobenen Steinfußboden, unter den dunkelgoldenen Mosaiken in den Kuppeln hoch über ihm, bis vor kurzem nichts ahnen konnte.

Anfang des 16. Jahrhunderts war die Krypta, heute achtzehn Zentimeter unter dem Meeresspiegel, zum ersten Mal überschwemmt, 1580 hat man alle Zugänge zugemauert. Die Restaurationsversuche des 19. Jahrhunderts scheiterten. Nach der großen Flut von 1966 stand das Wasser in der Krypta monatelang über zwei Meter hoch. In der vergangenen Woche wurde sie, für die Ewigkeit trockengelegt und restauriert, von Kardinal Marco Cé, dem Patriarchen von Venedig, wieder eröffnet und gesegnet, und zwar in Anwesenheit der zahlreichen Reporter. Ein französischer Chemie- und Pharmakonzern namens Rhône-Poulenc hatte sie zu diesem Anlaß eingeflogen, in einem Luxushotel am Canal Grande untergebracht, einem Sechs-Gänge-Diner und einem Lunch-Buffet ausgesetzt sowie mit je einer Plastikaktenmappe, einem Kugelschreiber, zwei prachtvollen Photobänden plus einem Video über die Krypta und einer in limitierter Auflage extra für diese Gelegenheit gefertigten grüngoldenen Uhr beschenkt.

Keine Bestechung, nein, nur die übliche Übergabe von Werbegeschenken. Der Konzern, der in Deutschland unter anderem Zigarettenfilter und Ilja Rogoffs Knoblauchpillen produziert, weltweit operiert und erst in diesem Jahr von der französischen Regierung privatisiert worden ist, hat sich an der Restaurierung der Krypta als Schirmherr und Mäzen beteiligt, mit Geld, Personal und Material. So sehr, daß er am Eröffnungstag fast als alleiniger Restaurator dasteht und Venedigs Denkmalpfleger der Dankbarkeit übervoll sind.