Die Nichtsprache

So etwas tut immer gut, zu lesen, daß man nicht der einzige ist. "Sie sind nicht der einzige schüchterne Mensch auf der Welt." Ob das stimmt? Immerhin steht es zwischen zwei Buchdeckeln. "Nie mehr schüchtern", so der Titel des von Kenneth Hambly geschriebenen Buches. "Die Verbreitung der Schüchternheit", sagt der Autor, "läßt sich daran messen, wie sie in der Fachliteratur behandelt wird. In medizinischen Lehrbüchern und Fachzeitschriften findet man nämlich kaum Informationen darüber."

Es ist beileibe nicht die Regel, daß Experten genau zu der Thematik nicht publizieren, die sie selbst tatsächlich nichts angeht. Also handelt es sich bei der Schüchternheit um ein sogenanntes Nichtphänomen. Es ist da, will aber nicht genannt werden oder gar in Erscheinung treten müssen. Paradox wie passend zeigt es sich immer häufiger in unserer Sprache: Wir sprechen von einer Nichtbeziehung, wenn zwei nebeneinander herleben, aber den Absprung zur Trennung nicht finden. Im neuesten Duden findet sich eine ganze Reihe dieser Nichtkombinationen, von denen sich einige durch ein deutlicheres Wort ersetzen ließen. Zum Beispiel: nichtberufstätig? Arbeitslos. Nichteinmischung? Drückebergerei oder Voyeurismus. Nichterfüllung? Pech. Nichterscheinen – futsch, Nichtfachmann – Idiot oder Laie, Nichtangriffspakt – Stillhalteabkommen, Nichtschwimmer – lahmer Erpel. Bei Nichtgefallen Umtausch ausgeschlossen. Letzteres ist laut Duden ein Beispiel aus der Kaufmannssprache. Und dennoch macht das Nichtphänomen nichtübersehbar klar: Es gibt einen Zustand zwischen wichtig und nebensächlich. Das ist die Nichtigkeit. Nichtamtlich etwa. Ist das schon gleich privat? Eher persönlich oder außer der Reihe. Eine nichtamtliche Auskunft ist etwas hinter vorgehaltener Hand und nach nichtoffizieller Akteneinsicht. Wenn Sie mich in meiner Eigenschaft als Nichte fragen – dann eben nicht.