Ohne Kitsch ist die Welt unerträglich.

Friedensreich Hundertwasser im "Hamburger Abendblatt" vom 15. Dezember 1993

Journalistenpoesie: Höhepunkte

Ernte 93. Das Feuilleton blickt auf sein Schaffen zurück. Die Bilanz fällt zwiespältig aus. Natürlich schreiben in den anderen Weltblättern noch schärfere Analytiker (Willms/München), noch bessere Patrioten (Schirrmacher/Frankfurt). Aber es gibt doch einen ganz eigenen, unverzicht- und unverwechselbaren Beitrag, den wir (dies sei in aller Bescheidenheit gesagt) zum polyphonen Feuilletonkonzert liefern. ZEIT-Kultur, das ist: Die Stunde, der Tag, das Jahr, die Ewigkeit der wahren Empfindung. Taumel bei den "Atriden", Tränen vor dem "Piano", Schwindel in Treppenhäusern und Tiefgaragen, Delirien im Tanztheater, Herzflimmern in der Literatur. Und vieles Innige mehr. Mit der hier folgenden kleinen Blütenlese aus dem Kulturjahr 1993 verabschiedet sich das "Zeitmosaik" von seinen treuen Lesern (und von den untreuen auch). Unser Motto, auch 1994: Im Weinen ist Wahrheit. Oder: Der Busen quillt, die Träne hat uns wieder.

Erstens: "Michael Ondaatje, holländisch-indischer Abstammung, 1943 auf Ceylon geboren, in England aufgewachsen, heute in Kanada lebend, formt in seinem neuen Roman die multikulturelle Existenz des modernen Menschen zu einer kühnen Metapher, zu einem gewaltigen Standbild, in dem der Zusammenstoß der Kulturen eingefroren ist, als hätte ein Gott das Rad der Geschichte angehalten, damit wir für einen kurzen, blitzartig erhellten Augenblick vor dem gräßlichen Panorama der Moderne zurückzucken. ‚Der englische Patient‘ ist ein vollkommen ungewöhnliches Buch, das einen an nichts Gelesenes erinnert und beliebte Vergleiche, hier schreibe ein zweiter Proust oder Joyce, unmöglich macht. Solch einen Roman gab es nie."

Zweitens: "Der Körper ein Tempel. Aber Adas Körper hat keine Stimme. Ihre Stimme, das ist ihr Piano. Deshalb erobert Baines zuerst das Klavier, bevor er sich Ada nähert. Am Morgen, ehe sie kommt, zieht er sich aus und wischt mit seinem Hemd über das polierte Holz, bis es glänzt. Wenn sie dann vor ihm sitzt und spielt, sind seine Berührungen viel zärtlicher, als man es von diesem schwerfälligen Mann erwartet hätte. Er streicht über ihren Arm, als wäre es der Flügel eines Vogels. Er faßt in ihren Nacken wie ein Pilger, der das geweihte Bild berührt. Als Ada plötzlich eine Mazurka spielt, laut und fröhlich, schrickt er zurück. Baines ist kein Wolf, Baines ist ein Kind."

Drittens: "Die Obertontechnik indes ist nur die Basis der eigentlichen Innovation: Während in der europäisch-abendländischen Musik üblicherweise die Oktave in zwölf gleiche Halbtöne aufgeteilt wird (die Akustiker bemessen diesen Teil-Abstand mit 100 Cents), ist in dem hier beschriebenen Stück für das Quartett rechts oben (im Kürzel "Qu-I") die Oktave (mit ihren 1200 Cents) auf "pentatonische" Weise in fünf gleiche, "äquidistante" Einheiten gegliedert, für das Quartett links oben ("Qu-III") dagegen in "heptatonischer" Weise in sieben gleiche Abstände – was neben der Halbton-Verstimmung eines Teils der Instrumente eine zusätzliche, nur noch von einem Meßinstrument ablesbare Skordatur um 20 oder 40 Cents in Qu-I, um 14, 29 oder 43 Cents in Qu-III erfordert."