Von Ludwig Siegele

Der französischen Sozialversicherung geht es schon seit Jahren sehr schlecht, sagt Jean-Michel Normand, Sozialexperte der Tageszeitung Le Monde. Die sécurité sociale, kurz sécu, gleiche einer früh gealterten Großmutter: "Regelmäßig liegt sie im Sterben. Aber genauso regelmäßig wird sie verarztet und bekommt wieder eine gesunde Farbe." Im Schnitt muß die Regierung in Paris die Sozialversicherung alle achtzehn Monate mit höheren Abgaben und niedrigerer Leistung aus einem tiefen Finanzloch befreien. Doch nun steht es wirklich ernst um die alte Dame. In den vergangenen Wochen mußte Normand immer häufiger in die Tasten greifen, um über ihren drohenden Tod zu schreiben. Mitte Dezember veröffentlichte die Finanzkommission der sécu wahre Horrorzahlen: Der öffentlichen Kranken- und Rentenversicherung würden in diesem und im nächsten Jahr fast dreißig Milliarden Mark fehlen – etwa so viel, wie sie den Franzosen in einem Monat ausbezahlen.

Gute Ideen, schlechte Politik. Das wäre ein trefflicher Titel für die Geschichte der sécu. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte der Sozialpolitiker Pierre Laroque, ein Mitkämpfer des späteren Präsidenten Charles de Gaulle, einen einheitlichen Schutz gegen alle sozialen Risiken schaffen – ähnlich wie sein britischer Kollege William Beveridge, dessen Vorschläge zum welfare State von 1942 ihn stark beeinflußt hatten.

Anders als der Engländer Beveridge wollte Laroque aber sozialen Schutz nicht für jeden, sondern nur für jene, die ihn sich mit Arbeit verdient haben. Deswegen werden die französischen Sozialkassen auch heute noch weit stärker als zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland durch Beiträge der Unternehmen und der Beschäftigten gefüllt; der Staat steuert lediglich knapp ein Fünftel zu. Und nicht zuletzt an dieser Zurückhaltung des Staates lag es auch, daß die Arbeitslosenversicherung erst 1958 gegründet wurde.

Laroques große Pläne waren zum Scheitern verurteilt. "Ab 1946 lebten die Partikularinteressen wieder auf. Viele Berufsgruppen hatten Angst, ihre Privilegien zu verlieren", resümierte er 1985 enttäuscht. Handwerker, Landwirte oder Freiberufler weigerten sich, die Abgaben zu bezahlen. Laroque mußte seine Idee einer umfassenden Einheitsversicherung aufgeben. Die Folge: Das französische Sozialversicherungssystem ist heute so zersplittert wie kaum ein anderes.

Was das bedeutet, sehen die Franzosen jeden Monat auf ihrem Lohnzettel: See, Soc, Maladie, CNC Retraite, CSG imposable deduet, Anep Tranche A, Assecic hors plafond... – der berühmte bulletin de paie ist ein Wust von Kürzeln und Zahlen, der nicht selten eine ganze Schreibmaschinenseite füllt. Angesichts dieser Unübersichtlichkeit ist es nicht überraschend, daß ihn nach Umfragen drei Viertel der Arbeitnehmer nicht mehr verstehen. Die meisten nehmen nur resigniert zur Kenntnis, daß unter dem Strich überraschend wenig übrigbleibt. Selbst Experten fällt es nicht leicht, das Sozialversicherungssystem zu erklären. Es entzieht sich fast jedem Gliederungsversuch; im Zentrum steht der régime général, das Überbleibsel von Laroques großer Multi-Risikoversicherung für Rente, Krankheit und Kindergeld. Daneben gibt es unzählige Zusatzversicherungen, Sonderabgaben oder Rentenkassen der Berufsgruppen. Von letzteren können die wenigen Kenner über 500 aufzählen.

Da schrumpft der Bruttolohn schnell zusammen. Ein besserer Angestellter mit 4900 Mark im Monat zahlt über 1000 Mark Abgaben, die Einkommenssteuer nicht mitgerechnet: 335 Mark für die Krankenversicherung, 292 Mark für die Rentenversicherung, 115 Mark für die allgemeine Sozialabgabe CSG... Und der Arbeitgeber legt noch einmal doppelt soviel dazu – zusammen über 3000 Mark.