Von Fredy Gsteiger

Sie begegneten einander zum allerersten Mal und reichten sich die Hände. Der eine tat es mit Schwung und breitem Grinsen. Für den Palästinenser Jassir Arafat war der Händedruck ein Triumph. Der andere zögerte und fühlte sich sichtlich unwohl. Für den Israeli Jitzhak Rabin war der Handschlag eine schwere Pflicht. Doch das Bild mit der Versöhnungsgeste im Rosengarten des Weißen Hauses ging um die Welt. Mit "Amen" schloß Rabin seine Rede, mit "Danke" Arafat. Was Wochen zuvor noch schieres Wunschdenken war, wurde Wirklichkeit. Der 13. September 1993 ist damit Geschichte.

Der Rest sind Geschichten. Sie erhellen, wie dieses seltsame, ungleiche Paar einen Friedenspakt schließen konnte und damit Hoffnung auf das Ende eines hundertjährigen Konflikts keimen läßt.

Der Bauer und der Kaufmann: Jitzhak Rabin, Israels 71jähriger Ministerpräsident; war ursprünglich Bauer. Das Metier paßt zu ihm, besser als sein Name, denn Jitzhak heißt "Er, der lacht". "Lach, Rabin, lach!" ermunterten ihn seine Getreuen nach dem Wahlsieg im Sommer 1992. Doch mehr als ein gequältes Lächeln brachte der hemdsärmlige Politiker nicht zustande. Gefühle zeigt er ungern. Er gilt als humorlos, unhöflich, ungesellig, eigentlich als Grobian.

Zwar hat der Kettenraucher mit dem tiefen Baß seinen Beruf nie ausgeübt, und doch paßte er weit besser in einen Pionierkibbuz als in die Wandelhallen der Macht. Vielen Israelis gilt er als "einer von uns". Rabin ist ein Sabre, im Gelobten Lande geboren, der erste nicht eingewanderte Regierungschef. "Rabin ist nicht abgehoben", sagen seine Anhänger, und selbst seine Gegner räumen ein: "Er lügt nicht." Vielleicht fehlt ihm dazu die Phantasie. Rabin privat? Er schätzt einen (dünnen) Whisky und liebt Schokoriegel, wissen die wenigen, die ihm nahestehen. Und er ist verheiratet. Die Hochzeit fand 1948 statt, während eines kurzen Waffenstillstandes.

Wann Jassir Arafat geboren wurde, ist umstritten – 1928 oder 1929 und auch über den Geburtsort streiten die Biographen – Jerusalem, Gaza oder Kairo. Jedenfalls diente er bereits als Jüngling der "palästinensischen Sache", indem er Waffen schmuggelte. Später wandte er sich als Geschäftsmann honorigeren Tätigkeiten zu, leitete als Ingenieur in Kuwait eine Baufirma und verdiente damit in wenigen Jahren ein Vermögen. Arafat ist hyperaktiv, arbeitet und feilscht beständig und hartnäckig. Er ist unglaublich eitel und neigt zur Theatralik. Aus seinem Herzen macht er keine Mördergrube, er kann lachen, toben und weinen. Arafat privat? Er raucht nicht, er trinkt nicht und war bis vor einem Jahr einzig mit der palästinensischen Revolution vermählt. Dann heiratete er die 35 Jahre jüngere Suha. Selbst Freunden verheimlichte er monatelang die Eheschließung.

Der Heerführer und der Terrorist: So wie Jitzhak Rabins Lebenslauf lesen sich Heldengeschichten. Ein Mann lebt für eine Aufgabe: Israel. Bereits im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 kommandierte er eine Einheit der Elitetruppe Palmach. Später, 1967, gewann er als Generalstabschef den Sechstagekrieg. "Der Friede", meinte er trocken, "wird etwas länger dauern." Rabin war niemals ein Haudegen, kein Kasernenhofbrüller oder Volkstribun. Er führte Krieg wie andere Schach spielen: nachdenklich, mit zögerndem Wagen und langem Wägen. Noch heute sieht er sich selber am liebsten als großen Analytiker und Strategen.