Zwei Rivalen, die Frieden wollen – Seite 1

Von Bartholomäus Grill

Johannesburg

In der Gluthitze zerrinnt die Eiskugel. Der kleine Junge kommt vor lauter Staunen gar nicht mehr zum Schlecken. Er starrt mit offenem Mund auf eine wundersame Erscheinung. Rundherum tanzen Tausende den Toyi-toyi. Ein Mann winkt und lächelt. Er schüttelt Hunderte von Händen. Geht direkt auf den Knirps mit dem Eis zu und nimmt ihn auf den Arm. Der Jubel schwillt zum Orkan an. Die Menschen können es nicht fassen – er ist wirklich in ihr armseliges Nest KwaXimba gekommen: der große Nelson Mandela, ihr Madiba, der Präsident der Schwarzen!

KwaXimba liegt am "falschen" Tafelberg, irgendwo im Norden der Provinz Natal. Unterhalb des "richtigen" Tafelberges, der bei Kapstadt in die Wolken ragt, bittet der Präsident der Weißen zum Cocktail. Es ist eine steife Gesellschaft, die sich da im Tynhuys, im Amtssitz von Frederik Willem de Klerk, eingefunden hat. Umgeben von viktorianischem Prunk, goldpunzierten Gemälden und Fayencen, parliert die politische Klasse. Das Kabinett, viele Herren, zwei, drei Damen, keine Schwarzen – man ist unter sich. Ein Sektglas fällt um, der Innenminister zuckt zusammen.

Nelson Mandela und Frederik de Klerk, zwei Männer, zwei Begebenheiten am Anfang des Jahres 1993. Unterschiedlicher hätte das Ambiente nicht sein können, in dem sich die beiden bewegten, und auch nicht typischer: Mandela in den Zuludörfern der Provinz, de Klerk im Kreis der städtischen Elite; hier die Volksmacht des schwarzen Revolutionärs, dort die Staatsmacht des weißen Reformers. Zuversicht, Gelassenheit und Heiterkeit strahlen beide aus, denn beide sind mächtig. Die eigene Macht wird nur durch die Macht des anderen begrenzt, und jeder weiß, daß er ohne den Antipoden kein neues Südafrika aufbauen kann. Im Laufe des Jahres 1993 haben sie mit vereinten Kräften die Apartheid abgeschafft und den Weg in eine bessere Zukunft geebnet: Eine demokratische Verfassung liegt auf dem Tisch, am 27. April dürfen zum ersten Mal die Bürger aller Hautfarben wählen. Ein wahrlich historisches Datum für ganz Afrika: Es zieht den Schlußstrich unter 500 Jahre Kolonialgeschichte.

Am Ende des Wendejahres 1993 erhielten die zwei südafrikanischen Staatsmänner zu gleichen Teilen den Friedensnobelpreis. Eine gewagte Entscheidung und eine umstrittene dazu. Denn in ihrem Staat wurden 1993 über 3600 Menschen ermordet. Und weil niemand weiß, wie viele Mordwellen das Land im Wahljahr 1994 überschwemmen werden, sprechen Skeptiker von einer gewagten Entscheidung des Osloer Komitees. Womöglich hat es sich gerade deshalb für das Duo vom Kap entschieden. Der Preis soll ja auch ein Vorschuß auf ihr unvollendetes Friedenswerk sein und alle im Land, die guten Willens sind, ermutigen, daran mitzuarbeiten. In der Laudatio aber betonte Fancis Sejersted die gegensätzlichen Ausgangspositionen der beiden Friedensstifter: Der eine komme von der Seite der Unterdrückten, der andere von der Seite der Unterdrücker. Armut und Reichtum, Knechtschaft und Herrschaft, Schwarz und Weiß – das sind die Pole zweier Lebensgeschichten, die das perverse System der Rassensegregation geschrieben hat.

Nelson Rolihlahla Mandela, Jahrgang 1918, und Frederik Willem de Klerk, Jahrgang 1936, entstammen der Führungsschicht ihrer Volksgruppen: Mandelas Vater ist ein Xhosa-Häuptling, die Familie de Klerks gehört zur politischen Creme der Buren. Als der Jurastudent Mandela 1940 relegiert wird, weil er Kommilitonen zum Streik aufwiegelt, strampelt der kleine Frederik, genannt F.W., noch auf seinem Holzdreirad durch Krugersdorp. Auch er studiert später Rechtswissenschaften und engagiert sich schon in den Universitätsjahren für die Nationale Partei, die seit 1948 das Land im Geiste der Apartheid allein regiert. Zu diesem Zeitpunkt ist Nelson Mandela bereits vier Jahre Mitglied im African National Congress und Gründer der radikalen ANC-Jugendliga. Während de Klerk noch eifrig das römisch-holländische Recht büffelt, macht er 1952 die erste schwarze Anwaltskanzlei auf und organisiert Kampagnen zivilen Ungehorsams. Das Massaker von Scharpeville im März 1960 löst den gewaltsamen Befreiungskampf der Schwarzen aus.

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F.W. macht als Advokat Karriere, Mandela als meistgesuchter Terrorist. 1962 wird er festgenommen, 1964 wegen Hochverrats zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. In seiner Verteidigungsrede fordert er Demokratie, Freiheit und Gleichheit für alle Bürger Südafrikas. "Ich bin notfalls bereit, für dieses Ideal zu sterben." Mandela verbüßte seine Strafe auf einer berüchtigten Gefängnisinsel vor Kapstadt. De Klerk lebt derweil in Glück und Wohlstand. Er sieht seine Kinder heranwachsen, geht oft auf Safari, spielt gerne Golf. 1972 schlägt er eine Juraprofessur aus. Familientradition verpflichtet: Er zieht auf Anhieb ins Parlament ein. 1982 wird F.W. Innenminister und zeigt im Kampf gegen die Conservative Party, der die Rassenpolitik noch zu lasch ist, wie man Herausforderungen von rechts abwehrt, indem man reaktionäre Werte besonders hoch hält. Im Innern der Wagenburg ahnen manche schon, daß die Apartheid scheitern muß. Reformpapiere zirkulieren, Minister besuchen den Erzfeind Mandela.

Am 2. Februar 1990 hält der unterdessen zum Staatspräsidenten aufgestiegene Frederik de Klerk die berühmte "Rubikon-Rede". Er kündigt die Entlassung Mandelas und anderer politischer Gefangener an, hebt den Bann der Oppositionsparteien auf und gelobt, die Apartheid abzuschaffen. De Klerk erinnert sich an seine Gefühle, als er die Stufen zum Plenarsaal des Kapstädter Parlaments hinaufschritt: "Mir war klar, daß Südafrika nach dieser Rede niemals mehr so sein würde wie zuvor." Neun Tage nach der Rede wird Nelson Mandela die Freiheit geschenkt.

Vor dem historischen Panorama dieser gegenläufigen Lebenswege, die sich am Ende glücklich kreuzen, stellen Chronisten die alte Gretchenfrage, ob die Geschichte große Gestalten macht oder ob umgekehrt die großen Gestalten Geschichte machen. Den beiden südafrikanischen Staatsmännern kommt in dem, was sie gemein haben, ohne Zweifel geschichtsmächtige Größe zu. Wie aber fällt die Antwort im Einzelfall aus?

Was hat Frederik de Klerk zur Abkehr von der Apartheid bewogen? Hätte jeder weiße Präsident Südafrikas genauso gehandelt wie er? Nein, sagen seine Bewunderer, denn die Zeitenwende setze eine Denkwende voraus, eine innere Wandlung. Ja, behaupten nüchterne Historiker, denn die Verhältnisse hätten jeden Staatschef zur Umkehr gezwungen. Die Rassentrennung sei einfach nicht mehr zu halten gewesen, weil sie durch die normative Kraft des Demographischen widerlegt wurde: Millionen von Menschen lassen sich nicht einzäunen und aussperren, die Kosten der Segregation hätten über kurz oder lang die Wirtschaft ruiniert.

Der ungebrochene Widerstand des ANC, der Wunsch, nicht mehr die Parias der Weltfamilie zu sein, all dies beschleunigte den Prozeß des Umdenkens. Die geopolitischen Sterne standen günstig wie nie zuvor: Nach dem Kollaps des Kommunismus in Osteuropa stürzten auch im südlichen Afrika die ideologischen Fronten in sich zusammen. Just in dieser Phase kam Frederik de Klerk an die Macht. Es sprach viel dagegen und wenig dafür, daß dieser Ultrakonservative das Steuer herumreißen sollte. Hatte er nicht im Mai 1989 unmißverständlich erklärt, freie Wahlen nach dem Prinzip "Ein Bürger, eine Stimme" seien "völlig inakzeptabel", die Regierung werde niemals mit "Gewalttätern und Terroristen" verhandeln. Der Calvinist de Klerk galt als linientreuer Prediger der Apartheid. Als er das Präsidentenamt übernahm, waren sich die Beobachter einig: Von diesem Mann ist nichts Großes zu erwarten.

Die Auguren hätten das Ölgemälde am Eingang des Kapstädter Parlaments genauer betrachten sollen. Es zeigt Präsident Botha im Kreise seines Kabinetts, stocksteife, wachshäutige Minister in regierungsblauen Anzügen, eine Ikone unbeirrbarer Burenmacht aus dem Jahre 1984. Beim zweiten Hinsehen fällt ein besonders getreuer Jüngling auf. Er schaut auf den Präsidenten und gleichzeitig durch ihn hindurch: Frederik de Klerk. Unversöhnliche Weiße schimpfen ihn heute einen Judas, der die Apartheid verraten hat.

Jenseits der Mythen, die die Macht umranken, war de Klerk immer Doppelstratege: scharfer Hund und milder Vermittler, pragmatischer Anwalt und machiavellistischer Machtpolitiker. Er war Bothas loyalster Parteioffizier und hat ihn geschickt aus dem Amt befördert. Was ihn aber am meisten von seinen verbohrten Vorgängern unterscheidet: Er denkt mit den Hirn-, nicht mit den Blutzellen. Und so ist wohl auch die radikale Wende zu erklären, die der meisterliche Taktiker mit sich und Südafrika vollzogen hat: Die Alternative hieß Teilen oder Untergehen.

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Enge Vertraute des Staatschefs glauben indes, er sei die Straße nach Damaskus gegangen. Wie aber kann ein Mann, der eine paulinische Bekehrung erlebt hat, noch heute die "ursprüngliche Idee" der Apartheid als "fortschrittliches Konzept" verteidigen? Wo ist das Schuldbekenntnis des Paulus de Klerk? Bis heute haben die Opfer der Apartheid aus seinem Mund kein Wort der Reue gehört. Max du Preez, ein liberaler Chefredakteur, meint, de Klerks Begegnung mit Mandela sei ein "zutiefst erschütterndes Erlebnis" für den Präsidenten gewesen. Er habe Schwarze vorher nur als willfähriges Gesinde gekannt und sei zum ersten Mal auf einen gleichwertigen schwarzen Partner gestoßen. Bis dahin war Mandela auch für ihn ein Unbekannter, Unsichtbarer. Der Schwarzenführer durfte jahrzehntelang nur bei Strafe erwähnt werden, den Medien war es verboten, Photos von ihm zu veröffentlichen.

"Das ist er!" titelte eine Tageszeitung am 11. Februar 1990 neben einem Bild des Verfemten. Es war der Tag seiner Entlassung. Millionen von Schwarzen empfingen ihn wie einen Erlöser. Und als die Weißen sahen, wie würdevoll und zugleich heiter dieser Mann auftrat, da fragten sich viele: Wie kommt es nur, daß er nach einem Vierteljahrhundert in Unfreiheit nicht verbittert ist, ja daß er sogar die Kraft zur Versöhnung hat?

Die Öffentlichkeit erlebte nun, was die wenigen Personen, die mit Mandela Kontakt haben durften, heimlich berichtet hatten. Es sei ihnen stets ein stolzer, ungebrochener, liebenswerter Mensch entgegengetreten. Mandela hat sich den aufrechten Gang bewahrt, weil er keine Sekunde an seiner Mission – der Befreiung der unterdrückten Völker Südafrikas – zweifelte. Er lehnte jede Vergünstigung ab, wusch seine Kleider selber und reinigte seinen Abort. Je älter dieser Baum wurde, desto weniger konnten ihn die Buren biegen. Mandela verkörperte längst die Träume der schwarzen Afrikaner, schreibt die Biographin Fatima Meer. Aus dem Märtyrer war ein Messias geworden. Frederik de Klerk trat ein Unbesiegter entgegen, ein Mensch voller Würde und Güte.

Vielleicht ist dem weißen Präsidenten in dieser Stunde der Triumph des schwarzen Befreiungskämpfers bewußt geworden. Und vielleicht hat er den Triumph ertragen, weil ihm kein Haß und keine Bitternis entgegenschlugen. Im Arbeitszimmer des ANC-Präsidenten hängt ein Ölgemälde, auf dem sich Mandela und de Klerk die Hände reichen. Es entstand 1990. Damals waren die beiden noch ein Herz und eine Seele. Die schwarzweiße Männerfreundschaft sollte indes nur sechs Monate währen. Es kam zu ersten Verstimmungen. Inzwischen ist das Verhältnis kühl und geschäftsmäßig geworden, zu einer Art Zwangsehe, in der es immer wieder zu Ausfällen kommt.

De Klerk habe Blut an seinen Händen, weil er nicht willens oder nicht fähig sei, das Gewaltproblem zu lösen, attackiert Mandela. Der ANC-Chef solle sich nicht "wie ein Gott aufführen" kontert der Staatschef. Sie bekämpfen sich, weil sie nur so ihre Klientel beieinanderhalten können. Gleichzeitig sind sie zur Zusammenarbeit verdammt, denn keiner kann das neue Südafrika allein herbeizaubern. Als Rivalen und Bundesgenossen verkettet die beiden Staatsmänner eine komplizierte Dialektik: jeder gegen den anderen und nichts ohne einander. Es geht das Gerücht, Nelson Mandela habe überlegt, den gemeinsamen Nobelpreis auszuschlagen. Daß ausgerechnet einem heute geläuterten und gestern noch so strammen Verfechter der Apartheid diese Ehre gleichermaßen zuteil wird, hat viele Schwarze erzürnt. Vergeben fällt eben leichter als Vergessen.

Der Tag der Verleihung in Oslo war Mandelas Tag, und vor aller Welt wurden noch einmal die Unterschiede zwischen den beiden Südafrikanern deutlich: Frederik Willem de Klerk ist klug, Nelson Mandela weise; den weißen Reformer treibt Einsicht an, den schwarzen Revolutionär Sendungsbewußtsein; der letzte weiße Präsident zeichnet sich durch Mut aus, der erste schwarze Präsident durch Größe. Den einen hat die Geschichte geformt, der andere hat Geschichte gemacht. Was aber, wenn die beiden einmal nicht mehr sind? Droht Südafrika dann ein Rassenkrieg, weil keiner ihrer Nachfolger die ungeheure Versöhnungskraft aufbringt, um diese zerrissene, gewaltgeplagte Gesellschaft zu befrieden? Wer am Kap so fragt, dem begegnet furchtsames Schweigen.