F.W. macht als Advokat Karriere, Mandela als meistgesuchter Terrorist. 1962 wird er festgenommen, 1964 wegen Hochverrats zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. In seiner Verteidigungsrede fordert er Demokratie, Freiheit und Gleichheit für alle Bürger Südafrikas. "Ich bin notfalls bereit, für dieses Ideal zu sterben." Mandela verbüßte seine Strafe auf einer berüchtigten Gefängnisinsel vor Kapstadt. De Klerk lebt derweil in Glück und Wohlstand. Er sieht seine Kinder heranwachsen, geht oft auf Safari, spielt gerne Golf. 1972 schlägt er eine Juraprofessur aus. Familientradition verpflichtet: Er zieht auf Anhieb ins Parlament ein. 1982 wird F.W. Innenminister und zeigt im Kampf gegen die Conservative Party, der die Rassenpolitik noch zu lasch ist, wie man Herausforderungen von rechts abwehrt, indem man reaktionäre Werte besonders hoch hält. Im Innern der Wagenburg ahnen manche schon, daß die Apartheid scheitern muß. Reformpapiere zirkulieren, Minister besuchen den Erzfeind Mandela.

Am 2. Februar 1990 hält der unterdessen zum Staatspräsidenten aufgestiegene Frederik de Klerk die berühmte "Rubikon-Rede". Er kündigt die Entlassung Mandelas und anderer politischer Gefangener an, hebt den Bann der Oppositionsparteien auf und gelobt, die Apartheid abzuschaffen. De Klerk erinnert sich an seine Gefühle, als er die Stufen zum Plenarsaal des Kapstädter Parlaments hinaufschritt: "Mir war klar, daß Südafrika nach dieser Rede niemals mehr so sein würde wie zuvor." Neun Tage nach der Rede wird Nelson Mandela die Freiheit geschenkt.

Vor dem historischen Panorama dieser gegenläufigen Lebenswege, die sich am Ende glücklich kreuzen, stellen Chronisten die alte Gretchenfrage, ob die Geschichte große Gestalten macht oder ob umgekehrt die großen Gestalten Geschichte machen. Den beiden südafrikanischen Staatsmännern kommt in dem, was sie gemein haben, ohne Zweifel geschichtsmächtige Größe zu. Wie aber fällt die Antwort im Einzelfall aus?

Was hat Frederik de Klerk zur Abkehr von der Apartheid bewogen? Hätte jeder weiße Präsident Südafrikas genauso gehandelt wie er? Nein, sagen seine Bewunderer, denn die Zeitenwende setze eine Denkwende voraus, eine innere Wandlung. Ja, behaupten nüchterne Historiker, denn die Verhältnisse hätten jeden Staatschef zur Umkehr gezwungen. Die Rassentrennung sei einfach nicht mehr zu halten gewesen, weil sie durch die normative Kraft des Demographischen widerlegt wurde: Millionen von Menschen lassen sich nicht einzäunen und aussperren, die Kosten der Segregation hätten über kurz oder lang die Wirtschaft ruiniert.

Der ungebrochene Widerstand des ANC, der Wunsch, nicht mehr die Parias der Weltfamilie zu sein, all dies beschleunigte den Prozeß des Umdenkens. Die geopolitischen Sterne standen günstig wie nie zuvor: Nach dem Kollaps des Kommunismus in Osteuropa stürzten auch im südlichen Afrika die ideologischen Fronten in sich zusammen. Just in dieser Phase kam Frederik de Klerk an die Macht. Es sprach viel dagegen und wenig dafür, daß dieser Ultrakonservative das Steuer herumreißen sollte. Hatte er nicht im Mai 1989 unmißverständlich erklärt, freie Wahlen nach dem Prinzip "Ein Bürger, eine Stimme" seien "völlig inakzeptabel", die Regierung werde niemals mit "Gewalttätern und Terroristen" verhandeln. Der Calvinist de Klerk galt als linientreuer Prediger der Apartheid. Als er das Präsidentenamt übernahm, waren sich die Beobachter einig: Von diesem Mann ist nichts Großes zu erwarten.

Die Auguren hätten das Ölgemälde am Eingang des Kapstädter Parlaments genauer betrachten sollen. Es zeigt Präsident Botha im Kreise seines Kabinetts, stocksteife, wachshäutige Minister in regierungsblauen Anzügen, eine Ikone unbeirrbarer Burenmacht aus dem Jahre 1984. Beim zweiten Hinsehen fällt ein besonders getreuer Jüngling auf. Er schaut auf den Präsidenten und gleichzeitig durch ihn hindurch: Frederik de Klerk. Unversöhnliche Weiße schimpfen ihn heute einen Judas, der die Apartheid verraten hat.

Jenseits der Mythen, die die Macht umranken, war de Klerk immer Doppelstratege: scharfer Hund und milder Vermittler, pragmatischer Anwalt und machiavellistischer Machtpolitiker. Er war Bothas loyalster Parteioffizier und hat ihn geschickt aus dem Amt befördert. Was ihn aber am meisten von seinen verbohrten Vorgängern unterscheidet: Er denkt mit den Hirn-, nicht mit den Blutzellen. Und so ist wohl auch die radikale Wende zu erklären, die der meisterliche Taktiker mit sich und Südafrika vollzogen hat: Die Alternative hieß Teilen oder Untergehen.