Enge Vertraute des Staatschefs glauben indes, er sei die Straße nach Damaskus gegangen. Wie aber kann ein Mann, der eine paulinische Bekehrung erlebt hat, noch heute die "ursprüngliche Idee" der Apartheid als "fortschrittliches Konzept" verteidigen? Wo ist das Schuldbekenntnis des Paulus de Klerk? Bis heute haben die Opfer der Apartheid aus seinem Mund kein Wort der Reue gehört. Max du Preez, ein liberaler Chefredakteur, meint, de Klerks Begegnung mit Mandela sei ein "zutiefst erschütterndes Erlebnis" für den Präsidenten gewesen. Er habe Schwarze vorher nur als willfähriges Gesinde gekannt und sei zum ersten Mal auf einen gleichwertigen schwarzen Partner gestoßen. Bis dahin war Mandela auch für ihn ein Unbekannter, Unsichtbarer. Der Schwarzenführer durfte jahrzehntelang nur bei Strafe erwähnt werden, den Medien war es verboten, Photos von ihm zu veröffentlichen.

"Das ist er!" titelte eine Tageszeitung am 11. Februar 1990 neben einem Bild des Verfemten. Es war der Tag seiner Entlassung. Millionen von Schwarzen empfingen ihn wie einen Erlöser. Und als die Weißen sahen, wie würdevoll und zugleich heiter dieser Mann auftrat, da fragten sich viele: Wie kommt es nur, daß er nach einem Vierteljahrhundert in Unfreiheit nicht verbittert ist, ja daß er sogar die Kraft zur Versöhnung hat?

Die Öffentlichkeit erlebte nun, was die wenigen Personen, die mit Mandela Kontakt haben durften, heimlich berichtet hatten. Es sei ihnen stets ein stolzer, ungebrochener, liebenswerter Mensch entgegengetreten. Mandela hat sich den aufrechten Gang bewahrt, weil er keine Sekunde an seiner Mission – der Befreiung der unterdrückten Völker Südafrikas – zweifelte. Er lehnte jede Vergünstigung ab, wusch seine Kleider selber und reinigte seinen Abort. Je älter dieser Baum wurde, desto weniger konnten ihn die Buren biegen. Mandela verkörperte längst die Träume der schwarzen Afrikaner, schreibt die Biographin Fatima Meer. Aus dem Märtyrer war ein Messias geworden. Frederik de Klerk trat ein Unbesiegter entgegen, ein Mensch voller Würde und Güte.

Vielleicht ist dem weißen Präsidenten in dieser Stunde der Triumph des schwarzen Befreiungskämpfers bewußt geworden. Und vielleicht hat er den Triumph ertragen, weil ihm kein Haß und keine Bitternis entgegenschlugen. Im Arbeitszimmer des ANC-Präsidenten hängt ein Ölgemälde, auf dem sich Mandela und de Klerk die Hände reichen. Es entstand 1990. Damals waren die beiden noch ein Herz und eine Seele. Die schwarzweiße Männerfreundschaft sollte indes nur sechs Monate währen. Es kam zu ersten Verstimmungen. Inzwischen ist das Verhältnis kühl und geschäftsmäßig geworden, zu einer Art Zwangsehe, in der es immer wieder zu Ausfällen kommt.

De Klerk habe Blut an seinen Händen, weil er nicht willens oder nicht fähig sei, das Gewaltproblem zu lösen, attackiert Mandela. Der ANC-Chef solle sich nicht "wie ein Gott aufführen" kontert der Staatschef. Sie bekämpfen sich, weil sie nur so ihre Klientel beieinanderhalten können. Gleichzeitig sind sie zur Zusammenarbeit verdammt, denn keiner kann das neue Südafrika allein herbeizaubern. Als Rivalen und Bundesgenossen verkettet die beiden Staatsmänner eine komplizierte Dialektik: jeder gegen den anderen und nichts ohne einander. Es geht das Gerücht, Nelson Mandela habe überlegt, den gemeinsamen Nobelpreis auszuschlagen. Daß ausgerechnet einem heute geläuterten und gestern noch so strammen Verfechter der Apartheid diese Ehre gleichermaßen zuteil wird, hat viele Schwarze erzürnt. Vergeben fällt eben leichter als Vergessen.

Der Tag der Verleihung in Oslo war Mandelas Tag, und vor aller Welt wurden noch einmal die Unterschiede zwischen den beiden Südafrikanern deutlich: Frederik Willem de Klerk ist klug, Nelson Mandela weise; den weißen Reformer treibt Einsicht an, den schwarzen Revolutionär Sendungsbewußtsein; der letzte weiße Präsident zeichnet sich durch Mut aus, der erste schwarze Präsident durch Größe. Den einen hat die Geschichte geformt, der andere hat Geschichte gemacht. Was aber, wenn die beiden einmal nicht mehr sind? Droht Südafrika dann ein Rassenkrieg, weil keiner ihrer Nachfolger die ungeheure Versöhnungskraft aufbringt, um diese zerrissene, gewaltgeplagte Gesellschaft zu befrieden? Wer am Kap so fragt, dem begegnet furchtsames Schweigen.