Die Kritiker machen es sich aber zu einfach, sagt sie. Die Sache mit Haider sei eben nicht so schwarzweiß gewesen, wie es scheine. Lange habe sie geglaubt, in der FPÖ liberale Politik in ihrem Sinne machen zu können. Ein Engagement in der christdemokratischen ÖVP oder in der Kreisky-SPÖ wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Zwischen Roten und Schwarzen suchte die junge Jurastudentin eine dritte politische Kraft, die sich ihr allein in der FPÖ bot.

Wie viele "Freiheitliche" der zweiten Generation, voran ihr damaliger Jurakommilitone Jörg Haider, kommt Heide Schmidt aus einem nationalen (früher: nationalsozialistischen), sudetendeutschen Elternhaus. Den Vater, der die Familie bald nach der Vertreibung aus dem heutigen Tschechien verlassen hatte, lernte sie erst als Erwachsene kennen. 1948 in Kempten (Allgäu) geboren, wuchs sie in Wien auf, wohin ihre Mutter mit den beiden Töchtern Anfang der fünfziger Jahre gezogen war. Die ältere Schwester ging bald eigene Wege, die junge Heide lebte unter dem strengen Regiment der alleinerziehenden Mutter. Sie sieht darin auch die Basis ihres heutigen Feminismus, der vor allem im Schlagabtausch mit dem konservativen Flügel der katholischen Kirche Österreichs deutlich wird.

Insgesamt wähnt sie sich vom kargen Lebensstil der Mutter mehr geprägt als von ihrer reaktionären politischen Erblast. Genau darin liegt ein merklicher Unterschied zur FPÖ-Führungsclique um Haider. Fehlleistungen jener Sorte, wie sie Jörg Haider mit dem Lob der "Beschäftigungspolitik des Dritten Reichs" unterliefen, können ihr nicht passieren. Nicht nur, weil sie sich etwas mehr unter Kontrolle hat als Haider (auch der ist kein Hitzkopf): Heide Schmidts Unterbewußtsein funktioniert offenkundig anders. Wer darin umrührt, wird kaum Nazi-Reste hochwirbeln.

Sie hat 1972 geheiratet, nachdem sie ihr Jurastudium in kürzester Zeit abgeschlossen hatte. Die Ehe blieb kinderlos, seit einigen Jahren lebt Heide Schmidt wieder allein. Ein Single auf dem Weg nach oben, im Film müßte Sigourney Weaver ihren Part spielen (und ein schöner Finsterling wie Rutger Hauer den Haider).

In ihrem Arbeitszimmer im Parlamentsgebäude am Wiener Ring läßt sich die dritte Nationalratspräsidentin ohne Vorbehalt auf das unangenehme Thema Haider ein. Es wird sie ohnehin noch lange begleiten. Die Chance, in der FPÖ liberale Politik zu machen, habe sie zunächst auch unter Haiders Vorsitz gesehen. Als die Partei für Liberale zusehends enger wurde, versuchte sie gegenzusteuern. Nicht ohne Erfolg, meint sie. Aber voran wäre der zu messen?

Sie sagt: "Es ist schwer, den Nachweis für das m. erbringen, was man verhindert hat." Wohl wahr. Aber sie hatte das Gefühl, manche "Weichenstellung" – unvermeidliches Wort in Zeiten des Umbruchs – in ihrem Sinne beeinflußt zu laben. "Die FPÖ hätte schon vor zwei Jahren so aussehen können wie heute, hat sie aber nicht." So unverhohlen illiberal und national schien die Partei damals noch nicht, das Feigenblatt war ja davor, Heide Schmidt.

Von Haider ist sie in dieser Schlußphase der Gemeinsamkeiten immerhin noch zur Präsidentschaftskandidatin gekürt worden. Daß sie darin – noch einmal – eine Chance sah, erklärt sie so: Seit 1986 habe die FPÖ mit Haider jede Wahl gewonnen, im Nationalrat wurde sie zu einer Mittelpartei, in Kärnten stellte sie vorübergehend sogar erstmals einen Landeshauptmann (Haider). Wann immer jemand in der Partei eine andere Ansicht als Haider, der Stimmenfänger, vertrat und diese gar öffentlich kundtat, wurde der Kritiker als Parteischädling mundtot gemacht Dem wollte sie etwas entgegensetzen, meint Heide Schmidt, nämich: "Selbst eine Wahl schlagen und ein Ergebnis bringen, das ein Erfolg ist."