Schon nach einer ersten Presseerklärung des Generalbundesanwalts im Frühjahr 1993 über mögliche Verstrickungen des Teheraner Regimes in die „Mykonos“-Affäre intervenierte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Offizielle Erklärungen, ließ die FDP-Ministerin Herrn von Stahl wissen, bedürften der vorherigen Rücksprache. Im Klartext: Ich bin weisungsbefugt. Um den Primat der Politik zu dokumentieren, folgte ein weiterer Schritt: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte – beispielloser Vorgang – die Anklageschrift noch vor der Unterzeichnung durch den Generalbundesanwalt zum Studium an. Dies wird in Karlsruhe als direkter Versuch der Einflußnahme gewertet. Der Versuch glückte nicht. Doch die Auseinandersetzung endete mit der Entlassung des Generalbundesanwalts im Sommer 1993. In Karlsruhe gilt es als offenes Geheimnis, daß von Stahl nicht für die Todesschüsse in Bad Kleinen gekippt wurde – er ist längst rehabilitiert –, sondern für seine strikte Haltung im „Mykonos“-Fall.

Die Manöver der Justizministerin weckten auch das Mißtrauen der SPD-Bundestagsfraktion. Im Vorfeld der „Mykonos“-Anklage, erinnert sich der Abgeordnete Norbert Gansel, habe von Stahl Mitglieder der SPD-Fraktion über den Ermittlungsstand informiert. Ein zweites Gespräch wurde vereinbart, aber das, so Gansel, „kam auf Intervention der Justizministerin nicht mehr zustande“. Auf eine Bundestagsoffensive mit dem Ziel der Aufklärung habe die SPD verzichtet, „weil wir wußten, daß von Stahl den rechtsstaatlichen Maßstäben treu bleiben und bei seiner Anklageschrift keine Kompromisse eingehen würde“.

Um seine Ziele zu erreichen, versucht es der Iran hin und wieder mit Druck. Und die Druckmittel haben Namen. Vor- und Nachnamen: zum Beispiel Thomas Kemptner, Heinrich Strübig. Paul Dietrich Fersch oder Gerhard Bachmann.

Eineinhalb Jahre ist es her, seit der deutsche Geheimdienst-Koordinator im Kanzleramt. Bernd Schmidbauer, seine Teheran-Mission mit der Heimholung von Kemptner und Strübig beendete; sie waren im Libanon von der proiranischen Terrororganisation Hisbollah festgehalten worden. Im Sommer und Herbst vergangenen Jahres mußte er wieder verhandeln: Fersch und Bachmann, zwei deutsche Unternehmer, hatte man wegen angeblicher Korruption in Teheran festgenommen. Schmidbauers Verhandlungspartner: Ali Fallahian, Geheimdienstchef im Ministerrang.

Über die Person des Geheimdienstchefs gibt es eindeutige Erkenntnisse, in die Schmidbauer selbstverständlich eingeweiht ist. Fallahian ist als Minister für Information und Sicherheit ständiges Mitglied des von Staatspräsident Ali-Akbar Haschemi Rafsandschani geleiteten „Nationalen Sicherheitsrates“. Dieser bestimmt die Richtlinien der Sicherheitspolitik, und er entscheidet über weltweite Terroraktionen – wohl auch über das „Mykonos“-Attentat im September vergangenen Jahres. Nach den Erkenntnissen der Nachrichtendienste ist der „in Berlin durchgeführte Anschlag die konsequente Fortsetzung der vom Minister persönlich beschriebenen Aufklärungs- und Vorfolgungsstrategie gegen die iranische Opposition“.

Am 30. August 1992 hatte Fallahian ganz unverblümt im iranischen Fernsehen gesagt: „Wir verfügen über eine Sicherheitsabteilung, deren Operationen sich gegen konterrevolutionäre Kleingruppen richten. Uns ist es gelungen, die zentrale Organisation dieser Kleingruppen zu infiltrieren und die meisten ihrer Mitglieder zu verhalten Insgesamt gesehen gibt es derzeit in unserem Land keine aktiven Kleingruppen mehr. Sie wurden zur Flucht aus dem Land gezwungen. Wir haben unsere Operationen fortgesetzt. Wir verfolgen sie jetzt und beobachten sie ständig außerhalb des Landes. Uns ist es gelungen, vielen dieser Kleingruppen außerhalb des Landes oder an den Grenzen Schläge zu versetzen. Wie Ihnen bekannt ist, handelt es sich bei einer dieser Kleingruppen um die kurdische demokratische Partei. Wir konnten ihren Mitgliedern im vergangenen Jahr entscheidende Schläge versetzen

Nicht nur 1991. Schon 1989 fiel der damalige Generalsekretär der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran, Charafkandis Vorgänger Abdel-Rahman Ghassemlou, in Wien einem Attentat zum Opfer. Es folgten – nur sie seien erwähnt, doch sie stehen für viele – im Frühjahr 1990 der Exilpolitiker Kazem Rajavi, im Sommer 1991 der ehemalige Ministerpräsident Schapur Bachtiar und im März vergangenen Jahres in Rom der ehemalige Botschafter Mohammed Hussein Nagdi. Fortsetzung folgt. Davon ist das Bundeskriminalamt (BKA) überzeugt: „Die Öffnung des Iran unter Rafsandschani gegenüber den westlichen Industrienationen, verbunden mit kommerziellen Interessen, hindern das iranische Regime nicht an der Verfolgung seiner Gegner auf dem Hoheitsgebiet potentieller Handelspartner.“