Von Heidi Blankenstein

Zum Jahreswechsel ging es in Spanien besonders turbulent zu. Im Süden, zwischen Almeria und Málaga, wackelten Tische und Betten unter heftigen Erdstößen, und Madrids Finanzwelt wurde von den Banesto-Beben erschüttert. Der Banco Español de Crédito, kurz Banesto, Spaniens viertgrößte Bank, ist pleite. Für manche Spanier war diese Meldung eine ziemlich unangenehme Neujahrsüberraschung. Verunsichert zogen sie innerhalb weniger Tage Einlagen in Höhe von 1,5 Milliarden Mark ab.

Lediglich Luis Angel Rojo, der Notenbank-Gouverneur, wußte von dem Desaster früher als andere. Schon 1992, nach fünf gründlichen Kontrollen seiner Inspekteure, hatte er einen Kapitalfehlbetrag von umgerechnet sechs Milliarden Mark festgestellt. Damals verkaufte Banesto das Tochterinstitut Banco de Madrid für knapp 600 Millionen Mark an die spanische Filiale der Deutschen Bank. Da weitere Hilfe weder aus eigener Kraft noch durch Kapitalspritzen der an Banesto beteiligten amerikanischen Großbank J.P. Morgan in Sicht war, zog Rojo zu Neujahr, in Abstimmung mit der Regierung von Felipe González, eilends die Notbremse.

Er suspendierte den Börsenhandel mit Banesto-Aktien und ersetzte den gesamten Vorstand durch einen neuen kommissarischen Vorstand, bestehend aus Vertretern der übrigen fünf Großbanken. Auch Mario Conde, der Vorsitzende des Verwaltungsrats des Banesto-Imperiums, mußte gehen. Der schillernde Conde, zweitgrößter Aktionär des Kreditinstituts, wurde durch Alfredo Säenz, den krisenbewährten Vizepräsidenten der größten spanischen Bank, Banco Bilbao Viscäya (BBV), ersetzt. Conde kündigte allerdings Anfang dieser Woche rechtliche Schritte gegen seine Absetzung und die Intervention seiner Nationalbank an.

Die entschlossene Intervention der spanischen Notenbank wirkte schockierend und beruhigend zugleich. Deshalb stehen die übrigen Banken und auch die politischen Parteien hinter Luis Angel Rojos spektakulärer Entscheidung. Die Furcht vor einem Dominoeffekt innerhalb des spanischen Bankensystems und vor der weiteren Abwanderung von Investoren trieb zu schnellem Handeln.

Die Banken Spaniens zählen allgemein zu den rentierlichsten der Welt; die Banesto-Pleite ist offenbar hausgemacht. Die Hauptverantwortung wurde erst einmal dem smarten Senkrechtstarter Mario Conde und seinem offenbar chaotischen Management zugewiesen. Tatsächlich ist die Geschichte Banestos eng mit seiner Person verknüpft. Dank seines Charismas hatte sich der Quereinsteiger – Conde war zuvor Staatsanwalt – mit nur 39 Jahren bis zum Vorsitz im Verwaltungsrat durchgeboxt. Eine bereits fest verabredete Fusion zwischen Banesto und dem Banco Central, einer anderen großen Geschäftsbank, verhinderte Conde im Februar 1989. Damals, in den Zeiten der Hochkonjunktur, war er anderen Verlockungen erlegen. Er sammelte fleißig Industriebeteiligungen aller Art und schuf ein verschachteltes Finanzimperium. Conde betrieb zudem eine riskante expansive Kreditpolitik, die nur durch hohe Kapitalbeschaffungskosten gedeckt werden konnte. Und ob das Geschäft mit dem exklusiven Eintrittskartenverkauf für die Olympischen Spiele 1992 durch Banesto wirklich gewinnträchtig war, bleibt undurchsichtig Der letzte öffentlichkeitswirksame Coup Condes war die Gründung einer Nahost-Gesellschaft mit Investoren aus Israel. Palästina, Marokko und Spanien, die sich der Verbesserung der Infrastruktur im Gaza-Streifen widmen sollte. Mit seinem Versuch, sich jetzt, in der Rezession, wieder von dem allzu schweren Ballast zu befreien, ist Mario Conde kläglich gescheitert.

In letzter Not flog er am 23. Dezember zu Morgan nach New York. Dort wurde er Opfer eines dubiosen Doppelspiels. Einerseits sagten ihm Morgans Manager Hilfen von fünf Milliarden Mark zu, andererseits sandten sie der spanischen Nationalbank ein Fax, daß sich Morgan künftig aus den Banesto-Geschäften zurückziehen möchte. Die hellhörigen Börsianer bekamen davon Wind, und prompt purzelten die Banesto-Werte um mehr als elf Prozent. Die Notenbank sah sich gezwungen zu handeln.