Von Elmar Schenkel

Vor der Dorfkirche St. Mary’s stieß ich auf den gewaltigen Stumpf einer massiven Eibe, der mich, wie so oft auf dieser Reise, daran erinnerte, welche Einbrüche die Stürme zurückliegender Jahre über Südengland verursacht hatten. Aber immerhin hat die mehr als tausendjährige Eibe des Dörfchens Seiborne in Hampshire ihre Spur in der Literatur hinterlassen: Der Unterpfarrer Gilbert White (1720-1793) erwähnt sie in seinem 1789 erschienenen Buch „The Natural History and Antiquities of Seiborne“.

Dieses Buch, eine Sammlung von Briefen, ist allerdings keine der unzähligen, beliebigen Dorfchroniken, die nur noch Archivare und den Kirchengemeinderat interessieren. Seit dem 19. Jahrhundert wird es in der gesamten englischsprachigen Welt gelesen und nimmt auf der Liste der meistverkauften in Englisch verfaßten Bücher Platz vier ein; über hundert Ausgaben sind seit dem Erscheinen zu verbuchen. Es hat geradezu einen Gilbert-White-Kult ausgelöst, auf den auch ein Teil der ökologischen Bewegung Englands und Nordamerikas zurückgeht.

Schräg gegenüber der Kirche St. Mary’s steht Whites Haus The Wakes, das heute als Museum für ihn sowie zwei Forschungsreisende eingerichtet ist (einer von ihnen, Lawrence Oates, ging mit Scott am Südpol zugrunde). In The Wakes verbrachte der Junggeselle sein Leben, nach Reisen und dem Studium in Oxford. Er hatte am falschen College studiert, so daß er nur Unterpfarrer des Nachbardorfs Farringdon werden konnte. Die Kirchenarbeit dürfte nicht übermäßig anstrengend gewesen sein, denn sie ließ ihm Zeit zu langen täglichen Gängen, auf denen er die Natur von Seiborne belauschte und beobachtete, um sie in seinen Tagebüchern und Briefen akribisch zu beschreiben. So wissen wir heute, wieviel Zentimeter Regen von 1779 bis 1787 fiel, welche Arten von Grillen und Mäusen damals existierten und heute ausgestorben sind, wir kennen den Beginn der Brutzeit und die Dauer des Aufenthalts sämtlicher Vögel der Gegend. White hatte scharfe Augen und ein gutes Ohr, er konnte jeden Gesang eines Vogels wunderbar nachahmen.

Statt in die Ferne zu schweifen, um aus entlegenen Gebieten und aus den Kolonien Flora und Fauna herbeizuschiffen und zu untersuchen, begnügte sich White mit seinem Seiborne und dessen Umgebung. Die Zugänglichkeit des Milieus, die Möglichkeit, Dinge und Wesen ohne großes Instrumentarium oder riesige Bibliotheken zu beschreiben, faszinierte ihn. Er war allem Nahen verbunden: Nicht einmal an die Zugvögel mochte er glauben. Er notierte befriedigt, wenn er mal wieder ein Indiz dafür hatte, das den Schluß zuließ, Mauersegler und Mehlschwalbe überwinterten in Höhlen oder unter dem Wasser. Vielleicht hing seine Ablehnung der Ferne auch schlicht damit zusammen, daß White coachsick war, daß ihm beim Kutschefahren übel wurde.

Indem er aber Augen, Nase und Ohren auf die nächste Umgebung richtete, erkannte er vor aller Zeit so etwas wie ökologische Zusammenhänge, das Wirtschaften der Natur. Es faszinierte ihn zu sehen, wie alles sich miteinander entwickelt, auseinander hervorgeht und nur im Kreislauf lebensfähig ist. Das war kein romantischer Ganzheitskult, sondern ein Glaube an die im Grunde göttlich gelenkte, natürliche Weisheit der Dinge: Was das Vieh in den Teichen und Sumpfwiesen von Seiborne an Kot fallen ließ, diente den Insekten, und diese dienten wiederum den Fischen. Gerade die kleinsten Wesen hatten große Aufgaben in diesem Kreislauf. Hundert Jahre vor Darwins wichtiger Studie über den Regenwurm erkannte White die bedeutende Rolle dieses Winzlings für die Erde.

Aber es ist nicht nur das Buch, das heute noch viele Besucher nach Seiborne bringt. Der Ort mit seinen reetgedeckten Häusern ist bestens erhalten, und White hat vieles mitgestaltet, was heute gut zu erwandern ist. Sein Garten führt in eine englische Parklandschaft, komplett mit Haha (einer verdeckten, Aha-Rufe verursachenden Grenzmauer), Sonnenuhr und Obstgarten: gepflegte Wildnis mit Blick auf den Hanger, den bewaldeten Hügel. Auf diesen führt ein von White angelegter Zickzackweg. Gut markiert sind auch die Fußpfade, die der Pfarrer regelmäßig auf seinen botanisch-zoologischen Gängen beschritt; wer sich wirklich einmal verirrt, findet sich vielleicht im nahen Chawton wieder, wo Jane Austen lebte.