Von Helmut Trotnow

Das historische Interesse an Leben und Werk Rosa Luxemburgs ist 75 Jahre nach ihrem gewaltsamen Ende ungebrochen. Vor allem die Machthaber in der DDR haben sich immer wieder auf das Erbe der Mitbegründerin der KPD berufen. Doch warum soll man sich heute noch mit diesem Erbe auseinandersetzen, wo doch die politische Entwicklung die Unhaltbarkeit der kommunistischen Auffassungen offenkundig bestätigt hat?

Eine solche Sichtweise wäre vorschnell und abwegig zugleich. Schon in der Vergangenheit haben die Arbeiten nichtkommunistischer Historiker deutlich gemacht, daß die politische Vorstellungswelt Rosa Luxemburgs weitaus komplexer war, als es die marxistisch-leninistische Geschichtsschreibung immer darzustellen versucht hat. Doch die wirkliche Erforschung ihres Lebensweges, der Motive und Ziele ihres politischen Handelns war lange Zeit nur schwer möglich. Denn die dafür notwendigen Quellen befanden sich vor allem in den einschlägigen Parteiarchiven von Moskau und Ost-Berlin. Die nichtkommunistischen Historiker aus dem Westen konnten von diesen Beständen nur träumen. Und auch die Kollegen aus dem Osten durften das Material nur dann nutzen, wenn es im Interesse der jeweiligen politischen Führung lag. Jetzt endlich ist der Zugang zu den Quellen frei, ihre Nutzung für jedermann überprüfbar. Es bedarf keiner Hellseherei, um für die nächste Zeit einen wahren Boom in der Rosa-Luxemburg-Forschung vorherzusagen. Die Faszination dieser komplexen und komplizierten Politikerin wird erst dann erlöschen, wenn die letzten Rätsel ihres Lebens erkundet worden sind. Die hier anzuzeigenden drei Publikationen lassen bereits erkennen, inwieweit sich die veränderte Quellenlage auch in neuen Forschungsfragen niederschlagen wird.

Klaus Gietinger gehört eigentlich nicht zum Kreis der bekannten Luxemburg-Experten. Er ist Regisseur und wollte ursprünglich einen Dokumentarfilm drehen zur Aufklärung jener Umstände, "unter denen Frau Dr. Rosa Luxemburg den Tod gefunden hat". Die Ergebnisse seiner Recherchen hat er leider nicht in einem Film umsetzen können. Statt dessen verarbeitete er sie in einem wissenschaftlichen Artikel (siehe ZEIT Nr. 3/93), der jetzt als Taschenbuch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Gietingers Arbeit ist ausgelöst worden durch eine Sendung des Süddeutschen Rundfunks zum 50. Todestag der Politikerin im Jahre 1969. Aufgrund zahlreicher Befragungen von Zeitzeugen war darin die These aufgestellt worden, der Marineoffizier Hermann Souchon sei jener "Unbekannte aus der Menge" gewesen, der am Abend des 15. Januar 1919 beim angeblichen Transport der inhaftierten Rosa Luxemburg ins Moabiter Untersuchungsgefängnis die tödlichen Schüsse abgegeben habe. Richtig aufgeklärt worden ist die Tat nie, denn das spätere Kriegsgerichtsverfahren gegen die Begleitmannschaft war eine Farce: Die Täter saßen über sich selbst zu Gericht. Tatbestände wurden vertuscht, Zeugen zu Falschaussagen bewogen.

Aufgrund dieser Umstände gelang es dem damals noch lebenden Souchon unter Anrufung bundesdeutscher Gerichte, den Süddeutschen Rundfunk zu einem öffentlichen Widerruf der Mörderthese zu zwingen. Die Unterlagen des Kriegsgerichtsverfahrens wurden dabei anstandslos akzeptiert. "Die Richter", so resümiert Gietinger, "waren bei der Würdigung des historischen Komplexes überfordert." Mit geradezu kriminalistischem Spürsinn hat der Filmemacher die Tatumstände überzeugend aufklären und die Täter sowie Verantwortlichen der Tat identifizieren können. Das Urteil der Bundesregierung aus dem Jahre 1962, wonach Rosa Luxemburg – und mit ihr der andere KPD-Gründer Karl Liebknecht – durch eine "standrechtliche Erschießung" umgekommen sei, ist nach dieser Studie unhaltbar geworden. Es war glatter Mord, geplant und ausgeführt von Offizieren des ehemaligen kaiserlichen Militärs. Auch die Mörderthese des Süddeutschen Rundfunks ist "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" richtig. Viele Zeitgenossen haben die Umstände der Tat und die Täter gekannt. Keiner half jedoch bei der Aufklärung.

Die Arbeit des französischen Historikers Max Gallo ist seit langer Zeit wieder der Versuch einer biographischen Gesamtwürdigung. Die große Nachfolgebiographie zu John Peter Nettl aus dem Jahre 1967 ist es nicht. Gallo ist weniger an der wissenschaftlichen Analyse interessiert; er will die historischen Quellen literarisch verarbeiten. Die politischen Verhältnisse, sei es in Deutschland und Europa, in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, bleiben weitgehend ausgespart. Hinzukommt, daß der Biograph seiner "Heldin" sehr nahesteht. Rosa Luxemburg hätte dies kaum gefallen. Erinnert sei nur an ihre geradezu zynische Reaktion gegenüber einem Parteifreund, der ihr 1911 in der sogenannten Marokko-Affäre mit einem moralisierend-menschlichen Artikel hatte zu Hilfe kommen wollen. Die Vertreterin des linken SPD-Flügels war damals in der Partei angegriffen worden, weil sie Interna veröffentlicht hatte, um die untätige Haltung der Parteiführung angesichts der drohenden Kriegsgefahr anzuprangern. Abfällig nannte sie die wohlgemeinte Verteidigung ein "tränenreiches und edelmütiges Plädoyer auf mildernde Umstände für eine zum Tode Verurteilte". Und doch ist die Lektüre der Gallo-Studie nicht uninteressant. Ihr gleichsam werkimmanenter Ansatz offenbart die ganze Komplexität dieser Persönlichkeit, deren Dialektik durch die permante Auseinandersetzung des Menschen und der revolutionären Politikerin in ihr gekennzeichnet war.