Fremd ist er eingezogen, fremd zieht er wieder aus. Ein junger Mann im roten Mantel zieht arbeitslos und frierend durch das Land des Elends. Sein Kommen löst Hoffnungen aus. Sein Gehen heilt die Wunde der enttäuschten Hoffnung nicht. Der Mann im Mantel macht sich durch die Felder davon. Nur die Stimme eines Erzählers, der sich unerwartet mit einer revolutionären Verheißung einmischt, begleitet ihn. Entweder die Erde bebt, oder sie birst. Zola sah letzteres vor. Er hatte seine Uhr nach dem Revolutionskalender gestellt, in dem „Germinal“ den Keimmonat April bezeichnet.

„Ist das ein Bergwerk?“ fragt der Fremde einen Alten über Tage, der bloß noch den Gaul mit den Grubenhunden lenkt und Blut und Kohle spuckt. Der Alte bejaht, was eine gewaltige, raumgreifende Dekoration im Anfangsbild schon vor Augen stellte. Das ist kein Bergwerk mehr, das ist die Kolossalvorstellung eines Bergwerks. Da sausen die Seile, da wummern die Hämmer, da ächzt das Holz. Das Material stellt sich als ein Hauptdarsteller vor, inszeniert vom fabelhaften Produktionsdesigner Thanh At Hoang.

In einem verödeten Gelände Nordfrankreichs, das einer Abraumhalde mehr als einem Industriestandort gleicht, versammelte der Regisseur Claude Bern für „Germinal“ neben seinen Stars rund 8000 Statisten, die er unter arbeitslosen Bergleuten rekrutierte. Als einzigartige Produktionsanstrengung, die umgerechnet 55 Millionen Mark kostete, war dieser Zauberschlag gegen die festgefahrenen Gatt-Verhandlungen geplant. Mit der Maschinen-Oper „Germinal“ wollte sich der französische Film in der epischen Qualität Hollywood gewachsen zeigen und endlich wieder einen eigenen Mythos erzählen. Zur Uraufführung reiste tout Paris in die Provinzstadt Lille. Die deutsche Premiere wird nicht dort stattfinden, wo dem Stoff die schärfste Aktualität nachwuchs: weder in Bitterfeld noch in Bischofferode.

Emile Zola, der nach eigenen Feldstudien 1885 „Germinal“ veröffentlichte, gilt als der Prototyp des engagierten Schriftstellers. Heinrich Mann widmete ihm, dem bewunderten Vorbild, einen Essay. Günter Wallraff und Wolfgang Koeppen schrieben Nachworte zu „Germinal“. Rainer Werner Fassbinder dramatisierte den Roman zu Beginn seiner Intendanz am Frankfurter TAT. Zum Leseland DDR gehörte die beachtliche Auflage von zwei Millionen Exemplaren an Zola-Romanen, wie kürzlich auf einem Kolloquium zu Zola an der Freien Universität Berlin mitgeteilt wurde. In der Bundesrepublik begann die Auseinandersetzung mit Zola erst nach 1968. Die Wissenschaft zog ihm Flaubert vor. Mißtraute man der aufgewühlten Rhetorik, in der Zola die „schwarze Rächerarmee“ beschwor?

Der Film „Germinal“ kommt schnell bei sich selber an. Wider Erwarten findet der fremde Mann Arbeit. Es ist Etienne Lantier (der Rocksänger Renaud spielt ihn mit Diskretion), der in der Fördereinheit des Bergarbeiters Maheu (Gérard Depardieu, sanft und massig) aufgenommen wird. Das ist ein proletarischer Familienbetrieb, der in einer Akkordschicht versucht, so viel Kohle wie möglich aus dem Stollen herauszuhauen, ohne Gewerkschaftsschutz und Sozialversicherung. Die Familie Maheu schleppt sich am Rande des Überlebens dahin, ist aber, da sie sich biologisch definiert, nicht unterzukriegen.

Die Mutter (Miou-Miou, mit der Entschlossenheit eines Racheengels) dringt mit zweien ihrer Kinder in den Park der Grubenbesitzer ein. Die Bettelaktion gerät zur Erniedrigung. Man speist die Armen mit einem Stück Stoff und einem Bissen Kuchen ab. Die Rhetorik des sozialen Friedens bröckelt, der Einbruch ist fällig. Aber noch funktionieren die ablenkenden Volksbelustigungen wie die Kirmes am Sonntag, das Fleisch auf dem Tisch, das Bier in der Kanne. Ein Familienbad wöchentlich macht die blasse Haut unter dem Kohlestaub sichtbar und fördert die Begierde.

Lantier liest die Schriften von Karl Marx und organisiert die Streikkasse der Bergarbeiter. Wie um die Allianz von Kopf und Bauch zu besiegeln, verbündet er sich den Maheus als Freund und Untermieter. Fortan wird er mit dem starken, als besonnen anerkannten Freund die Streikbewegung anführen. Als Delegation treten sie im Haus des Generalsekretärs der Grube auf. Die Drohung der Arbeitsniederlegung schlägt um in offenen Aufruhr. Der Riß geht durch die eigenen Reihen der Arbeiter. Denn die Frau, die Lantier heimlich liebt, ist auf seiten der Streikbrecher und wirft sich leidenschaftlich zwischen die Männer. Die Solidarität bleibt auf der Strecke, wo nach Zola die Stimme des Blutes vernehmlicher ist.