Von Ulla Fölsing

Die Nummer eins auf der Liste der diesjährigen Leibniz-Preisträger ist eine Frau. Gisela Anton gilt als Nachwuchstalent unter den vierzehn Forschern, die am 12. Januar den höchstdotierten deutschen Förderpreis im Bonner Wissenschaftszentrum erhalten haben. Die 38jährige Physikerin, die sich bei Experimenten an der Bonner Elektronen-Stretcher-Anlage Elsa einen Namen gemacht hat, ist eine echte Vorzeigefrau. Nicht nur, weil sie in der männlich dominierten Physik Beachtliches leistet, sondern auch, weil sie Mutter von drei Kindern ist. Wie gelingt es einer Wissenschaftlerin, dies alles unter einen Hut zu bringen? Wenn Gisela Anton erzählt, klingt alles ganz einfach: „Es hat sich immer eins nach dem anderen entwickelt.“

Schon ihr Weg in die Physik war für sie die normalste Sache auf der Welt. Ursprünglich wollte sie wie ihre beiden älteren Brüder Elektrotechnik studieren. Es machte ihr soviel Spaß zuzusehen, wenn die zu Hause mit elektronischen Bauteilen bastelten. Als man ihr aber beim Praktikum sagte, dies sei eine Männerdomäne, verlegte sie sich auf das Naheliegende, die Physik.

Mit ihrem Studium hat sie sich dann nicht sonderlich beeilt – sechs Jahre bis zum Diplom, weitere vier bis zum Doktor. Zehn Jahre später hielt sie ihre Antrittsvorlesung. Ihre Begabung allerdings wurde schon viel früher deutlich: Mit sechzehn gewann sie den 2. Preis im „Bundeswettbewerb Mathematik“, mit zwanzig wurde sie Bundessiegerin in Physik bei „Jugend forscht“. Dann studierte sie mit einem Stipendium des katholischen Cusanus-Werkes. An der Bonner Universität fand sie schon bald einen Mentor, Karl-Heinz Althoff, der sie auch bei der Doktorarbeit betreut und gefördert hat. „Wie andere männliche Kollegen auch“, beeilt sie sich zu betonen.

Doch selbst sie konnte ihre Ausnahmerolle während des Studierens nicht übersehen: „Begonnen haben schon ein paar weitere Mädchen. Übriggeblieben ist, soweit ich weiß, keine.“ Der Gedanke an den Mißerfolg ihrer Kommilitoninnen beunruhigt sie allerdings nicht sonderlich, und von Quotenregeln hält sie offenbar überhaupt nichts: „Es ist nicht so wichtig, daß fünfzig Prozent aller Physiker Frauen sind.“

Die junge Privatdozentin Anton erscheint denn auch in den Reihen der rund 120 Leibniz-Preisträger eher als Exotin: Die anderen fünf Frauen rekrutieren sich allesamt aus Fächern, die als weniger hart und unweiblich gelten – aus Chemie, Genetik, Biologie, Japanologie und Soziologie.

Der Leibniz-Preis bringt Gisela Anton nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch üppige drei Millionen Mark – natürlich nicht für ihre Privatschatulle, sondern nur für die Forschung, und zwar unter großzügigen administrativen Randbedingungen. In den nächsten fünf Jahren braucht sie sich nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, wo sie das Geld für Maschinen und Material, für Mitarbeiter, Dienstreisen und Veröffentlichungen hernimmt. Sie braucht keine Anträge mehr zu schreiben und auch nicht auf Genehmigungen zu warten. Niemand wird ihr dreinreden, wann sie welche Summe wofür abruft.