Von Helmut Schödel

Im Foyer des Wiener Schauspielhauses lümmelte ein wilder junger Mensch, ein Hüne mit Punktolle, Lederjacke, Cowboystiefeln, und trank. Es war die Silvesternacht 90 auf 91, Hans Gratzer feierte den Beginn seiner zweiten Intendanz in der Porzellangasse. „Das ist Werner Schwab“, sagte Gratzer und deutete auf den angetrunkenen Riesen. Es war erst ein einziges Stück aufgeführt worden, „Die Präsidentinnen“, gespielt von einer freien Gruppe in Wien. Man hatte noch kaum etwas von Schwab gelesen, als man schon zu wissen glaubte, wer er war: ein gefährliches Genie, ein betrunkenes Monster, ein nach bürgerlichen Maßstäben vollkommenes Ekel.

Ein paar Tage später wurde im Schauspielhaus Schwabs Stück „Übergewicht, unwichtig: Unform“ uraufgeführt, Regie: Hans Gratzer. Es waren nur wenige Zuschauer gekommen, und in einer der letzten Reihen saß Schwab wie ein schlafender Vulkan, sichtlich unzufrieden mit Gratzers schöner, aber vermittelnder Regie, die Schwab nicht radikal genug war. Auf der Bühne, an Wirtshaustischen saß eine Handvoll Leute mittleren Alters, betäubt von Alkohol, Tranquilizern und Stumpfsinn. Eine namens Fotzi hob ihren Rock hoch, zog ihre Unterhose aus und bettelte in wehmütigem Ton um „ein Geld für eine Musik“. Fotzi: „Machen Sie sich frei, sagt das Leben. Ganz, fragt der Mensch. Ganz, sagt das Leben.“

Dieses Wirtshaus war der Treffpunkt der Kinder des Schmutzes, der Kinder der Nazischweine, der „Schweindis“. Im zweiten Akt fraßen sie ein fein herausgeputztes Yuppie-Pärchen einfach auf: „Wir haben sie zu uns genommen.“ Die jungen Stammtischler sprachen in endlos mäandrierenden Sätzen, deren Grammatik so zerstört schien wie sie selber. Die Kinder der Kannibalen: nicht nur eine Handvoll, sondern ein ganzes Land voll. Das war die düstere Botschaft dieses Stücks. Danach, an der Garderobe, noch ein befreiender Witz zum Kollegen vom Wiener Standard, wo man das Schreiben nicht erfunden hat: „Hat Schwab bei euch hospitiert?“ Dann schlich man halbwegs bestürzt zurück ins Hotelzimmer, im Kopf den Hauptsatz des Stücks, gesprochen nach dem kannibalischen Exzeß: „Wir haben erneut versagt.“

Schwabs nächstes Stück „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ wurde bereits an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Es begann eine unvergleichliche Karriere. Überall wurde Schwab gespielt. Im vergangenen Jahr: siebzig Aufführungen europaweit. Er hatte nach einem abgebrochenen Kunststudium über Jahre als Bauarbeiter und Holzfäller gejobbt, war plötzlich berühmt, wurde ausgezeichnet, hatte Geld.

Aber sein Erfolg schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken. Auch den obszönen, rassistischen Angriffen aus der Feder der Wiener Kritikerin Sigrid Löffler, die ihm noch nach der Grazer Uraufführung von „Pornogeographie“ in der Süddeutschen Zeitung seinen „germanisch-blonden Vierkantschädel“ vorhalten durfte, begegnete er mit einem traurigen Achselzucken. Er war der Sohn eines blonden, blauäugigen Mannes, der sich für Hitlers „Lebensborn“ als menschlicher Zuchtstier zur Produktion von arischem Nachwuchs einsetzen ließ. Schwer zu sagen, wie viele Stiefgeschwister Schwab hat. Als Antwort auf dieses Desaster tilgte er ein paar Vokabeln aus seinem Wortschatz: Vater, Mutter, Familie, Heimat, Glück.

Schwab, das Genie, das Monster, das Ekel, war in Wahrheit ein erwachsenes, geschundenes Kind, das in einer kindlichen Geheimsprache die Welt erschrecken wollte. Als Kasperl und Teufel in einer Person erfand er sich seine Scheußlichkeitsvokabeln: „Friedfertigkeitsschleimkopf“, „Krempelmenschentum“, „Weiberverkehrskörper“. Ein ultimatives Kasperltheater – das muß der Anfang gewesen sein.