Eine Schlüsselszene aus dem Jahr 1973 bündelt wie in einem Brennglas die Facetten der schwierigen Beziehungen zwischen Ost und West wie zwischen Wehner und Brandt. Egon Bahr und Michael Kohl, der Verhandlungsführer der DDR, hatten im Rahmen des Grundlagenvertrags vereinbart, künftig sollten die humanitären Fragen (wie Häftlingsprobleme und Familienzusammenführung) nicht mehr über Anwälte – und oft gegen Geld – abgewickelt werden, sondern amtlich wie zwischen Staaten üblich. Hatten Bahr und Brandt dabei bewußt in Rechnung gestellt, daß damit auch Wehners Kontakten die "Geschäftsgrundlage" entzogen wurde? Jedenfalls häuften sich im Frühjahr 1973 die berüchtigten "Kofferfälle", die Schicksale von Menschen, die noch nach den alten Gebräuchen "freigekauft" worden waren, denen nun aber nach den neuen Absprachen die Ausreise verweigert wurde, obwohl sie in der DDR längst alles aufgegeben hatten. Der Berliner Bischof Kurt Scharf wandte sich an Wehner, dieser sich an Brandt: Da müsse der Kanzler wohl nach Ost-Berlin fahren.

Brandt überlegte eine Nacht lang, lehnte schließlich ab, meinte aber, Wehner solle selber fahren. Als sich Wehner nach Absprache mit Brandt und Bahr auf den Weg machte, vertraute er auf Diskretion – nur um in Berlin unvermittelt vor TV-Kameras zu stehen. Wer mochte das Fernsehen informiert haben? Wehner fühlte sich in der Falle, rief seinen Freund und Koalitionspartner Mischnick in Dresden an, der am 31. Mai 1973 bereitwillig als Sekundant zu dem Gespräch mit Honecker in der Schorfheide hinzustieß.

Was lehrt diese Episode? Zum ersten: Die von Brandts Witwe inspirierte Darstellung, Brandt habe erst nachträglich von Wehners berühmt-berüchtigter Reise erfahren, ist vollkommen abwegig. Zum zweiten: Brandt wie Wehner wußten von ihren Kontakten nach Osten; sie wußten, wie heikel sie waren – und sie mißtrauten einander dabei. Zum dritten: Diese Geschichte erklärt zugleich den letzten Bruch in der Beziehung zwischen Wehner und Brandt: Mag sein, daß Wehner sich aus den humanitären Kontakten, die ihm auch moralisch sehr wichtig waren, plötzlich politisch ausgeschlossen sah; regelrecht verbittert war er aber darüber, daß die stolzen Architekten der Vertragspolitik im konkreten menschlichen Notfall so kalt blieben. Die Deutschlandpolitik drohte ähnlich leer zu laufen wie Brandts Innenpolitik nach dem zweiten Wahlsieg von 1972. Von dieser Diagnose war es nicht weit bis zu Wehners brutalen, vernichtenden Ausfällen im September 1973 in Moskau: Der Herr badet gerne lau...

Die Schlußfolgerungen aus all diesen scheinbar so konspirativen Verwicklungen? Es haftet ihnen nichts Geheimnisvolles an: Herbert Wehner wollte und konnte zu keiner Zeit Politik für die ostdeutschen Kommunisten betreiben. Aber er hat – je später, desto offener – Politik gegen Willy Brandt gemacht, der an sich selber, nicht an seinen Gegnern scheiterte. Über Wehners Motive mag man rechten, die Wirkung war paradox: Er hat nicht nur der SPD, sondern auch Brandt den sicheren Untergang in den Wahlen des Jahres 1976 erspart.

Zwanzig Jahre liegen diese Kämpfe nun zurück – längst bekannte, offenbar auch schon wieder vergessene Geschichte. Als Wehner seinen Weg in die westdeutsche Politik antrat, meinte er zu Kurt Schumacher, man werde ihm wegen seiner Vergangenheit die Haut vom Leibe ziehen. "Du wirst das aushalten", war die Antwort. Mag sein, daß Wehner nicht einmal im Tode seine Ruhe findet. Aber auch Brandt nicht, wenn seine Witwe weiterhin Mißbrauch mit dem Erbe und den Archiven treibt.