Von Jürgen Lotz

Während Deutschland – nach der geglückten alliierten Invasion in der Normandie – den Zweiten Weltkrieg endgültig verloren hat und die Truppen General Eisenhowers sich Mitte August 1944 mehr und mehr der deutschen Westgrenze nähern, beschließt das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) einen Personalwechsel in der Führung der „Atlantikfestung“ La Rochelle. Im Führerhauptquartier macht man sich offensichtlich große Sorgen um einen „Frontabschnitt“, der de facto zur Fiktion geworden ist. Denn La Rochelle, nördlich der Gironde-Mündung, ist vom derzeitigen Frontverlauf 550 Kilometer entfernt. Wie Royan, Saint-Nazaire, Lorient, Brest, Le Havre gehört La Rochelle zu jenen von Deutschen besetzten Hafenstädten, die eines gemeinsam haben: Für den Fortgang der Invasion sind sie inzwischen ohne Bedeutung.

Diese „Atlantikfestungen“ sind Inseln des Widerstands, die ihren strategischen Auftrag, den Feind zu binden und vom Nachschub abzuriegeln, nicht mehr erfüllen können – zumal die Angloamerikaner ihre Versorgung durch den Bau „schwimmender Häfen“ vom Festland unabhängig gemacht haben. Vor allem die Hafenfestungen am Golf von Biscaya – von der Gironde-Mündung bis zur Bretagne – liegen schon weitab von der massierten Stoßrichtung des Krieges. Poches de l’Atlantique nennen die Franzosen diese isolierten Stellungen, überflüssige Kröpfe am Atlantik, deren Belagerung und Bekämpfung den Einheiten der Forces Françaises de l’Intérieur (FFI) überlassen bleiben, um die Verbündeten zu entlasten.

Der Festungskommandant von La Rochelle, Oberst Preusser, hatte sich mit Recht gefragt, welchen militärischen Nutzen diese Verteidigungsposition überhaupt noch haben sollte. Gebot nicht die Aussichtslosigkeit der militärischen Lage die Kapitulation, um sinnlose Opfer und Zerstörung zu verhindern? Der Oberst muß sich mit all seinen Zweifeln an die Herren des OKW gewendet haben, denn die reagierten schnell und ordneten den Kommandowechsel an. Im Kriegstagebuch der Seekriegsleitung heißt es dazu:

„Der Festungskommandant der Festung La Rochelle ist für eine so wichtige Aufgabe, wie sie die Verteidigung unserer letzten U-Boot-Basis darstellt, nicht die geeignete Persönlichkeit ... Oberst Preusser ist schon vierundsechzig Jahre alt, ständig krank und besitzt nicht genügend Energie... Ein harter, energischer Mann wird gebraucht.“

Als harter, energischer Mann gilt Vizeadmiral Ernst Schirlitz. Von ihm ist nicht zu befürchten, er werde gegen höhere Weisung handeln. Und so übernimmt der 51jährige, als „Kommandierender Admiral Atlantikküste“ nominell weiterhin im Amt, de facto aber arbeitslos geworden, am späten Abend des 20. August das Kommando, das heißt den Befehlsbereich La Rochelle, La Pallice mit Hafen und U-Bootbunker sowie die Inseln Ile de Ré und Ile d’Oléron. Für 13 000 deutsche Soldaten und 60 000 französische Einwohner trägt er Verantwortung.

Unverzüglich beginnt der neue Kommandant, die Besatzung zu reorganisieren. Die buntgewürfelte Truppe aus Einheiten des Heeres, der Luftwaffe und der Marine gliedert er in Regimenter und läßt sie auf den Belagerungskampf trainieren. Die Gelegenheit ist günstig. Denn die französischen Belagerer sind gerade erst dabei, sich zu formieren. Die Kerntruppe bilden die schlecht ausgerüsteten Maquisards, Widerstandskämpfer bis vor kurzem noch, deren Schlagkraft angesichts der politischen Richtungskämpfe untereinander zu wünschen übrig läßt. Immerhin kann Colonel Adeline, der Kommandeur, bis Oktober die Zahl der Belagerer von 3500 auf 5000 Mann erhöhen. Mag den Deutschen ihre zahlenmäßige Überlegenheit zusätzliche Sicherheit geben – militärisch bleiben sie in der Defensive, müssen zudem mit einer unkalkulierbaren Einwohnerschaft rechnen.