Hans Sarkowicz

Ernst Nolte gratuliert. In der deutschen Presselandschaft, so der Berliner Historiker, habe seit langem eine junge Zeitung gefehlt, „die einen Kontrapunkt zu der taz darstellt. Ich wünsche mir, daß in absehbarer Zeit ebenso viele Studenten in der U-Bahn die Junge Freiheit lesen wie die taz.“ Erst dann könne es in den deutschen Universitäten, „zumal in der FU Berlin“, statt des „ertötenden Linkskonformismus“ wieder „echte politische Auseinandersetzungen geben“.

Klaus Motschmann, Politologe an der Berliner Akademie der Künste, assistiert da gerne, werde doch jetzt endlich den „Mechanismen des Meinungskartells der Tabu-Konservatoren“ etwas entgegengesetzt. Ähnlich sieht es der Verleger Herbert Fleissner, der nebenbei zu erkennen gibt, daß er schon seit Jahren als einer der „Gutgesinnten“ die Junge Freiheit unterstütze – zumindest moralisch.

Auch die Verleger Axel Matthes und Heinrich Seewald geben sich als Gutgesinnte zu erkennen, während Wolfgang Mattheuer, Leipziger Maler, die Gratulationscour nutzt, um zu enthüllen, was ihn jahrzehntelang in der DDR bedrückte: die „Herabwürdigung und Diskriminierung alles Nationalen in der Politik und in den Medien“. Für den Segen der Kirche sorgt schließlich und endlich Dekan Rolf Sauerzapf, Leiter der evangelischen Seelsorge im Bundesgrenzschutz, der via Junge Freiheit der „kränkelnden westlich-liberalen Bundesrepublik ein Quentchen christlich-preußisches Ethos“ verordnen möchte.

Der Grund für diese satte Genugtuung ist eine Zeitung, die bereits seit 1986 besteht, aber jetzt ihr Klassenziel erreicht hat, und das gleich mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren: Die Junge Freiheit, der Hoffnungsträger aller Rechtskonservativen, erscheint seit letztem Freitag wöchentlich statt einmal im Monat. Und damit es nicht nur bei guten Wünschen bleibt, hat die Unions- oder unionsnahe Prominenz an dieser ersten Nummer kräftig mitgestrickt. Christa Meves, Kinderpsychologin und Mitherausgberin des Rheinischen Merkurs, steuerte den Leitartikel auf Seite zwei bei und beklagte (zum wievielten Male eigentlich?) den Untergang der Familie. Peter Gauweiler, bayerischer Umweltminister, darf sich im Interview als Haider-Sympathisant zu erkennen geben. Heinrich Lummer, Berliner Innensenator a. D., erläutert gleich in einer ganzen Serie die Vorteile des größtmöglichen Lauschangriffs. Und Exbundeswehrgeneral Günter Kießling stellt sein Konzept einer „alternativen Sicherheitspolitik“ vor, das darin mündet, eine „allgemeine Dienstpflicht“ zu fordern, „mit einer Option für den Wehrdienst“.

Die Gastautoren der Jungen Freiheit wissen sich in guter Gesellschaft, denn schon in den letzten Jahren ließ das Blatt zumindest einen Teil der publizistischen und politischen Elite des rechtsbürgerlichen Lagers zu Wort kommen, zum Beispiel Günter Rohrmoser, Wolfgang Seiffert, Basilius Streithofen, Michael Wolffsohn, Klaus Hornung, Eduard Lintner und Gerhard Mayer-Vorfelder.

Und nach dem Motto „Vier rechts, eins links“ durften sich auch Vorzeigelinke ihre Gedanken über den „hilflosen Antifaschismus“, die „Nationsvergessenheit“ oder die „Abwehrreaktionen gegen Überfremdung“ machen. Bereitwillig gaben der österreichische Publizist Günter Nenning, der Faschismusforscher Eike Henning und der Fraktionsvorsitzende der PDS im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, Johann Scheringer, der Jungen Freiheit Interviews.

Bei so viel Pluralität wäre ein harmloses Blättchen zu erwarten, zumal die Redaktion nicht aus erfahrenen Journalisten, sondern fast ausschließlich aus Studenten und jungen Akademikern besteht. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Schon beim Durchblättern der ersten Wochenzeitungsnummer fällt das professionelle Layout auf. Auch inhaltlich ist die Junge Freiheit alles andere als eine Studentenpostille. Die Autoren sind gut informiert, verstehen pointiert, bisweilen sogar ausgesprochen witzig zu schreiben und sind nicht immer einer Meinung.

Diese so demonstrierte Offenheit, das Kokettieren damit, eine rechte taz sein zu wollen, hat selbst den politischen Gegnern und den schärfsten Kritikern eine gewisse Bewunderung abgetrotzt. Intellektuelle ganz rechts und dazu noch jung, das hat den Charakter des Sensationellen. Der (auch materiellen) Unterstützung durch die rechtskonservativen Ziehväter konnte und kann das Blatt schon aus diesem Grund sicher sein, aber auch deshalb, weil es der Jungen Freiheit zu gelingen scheint, in Schüler- und Studentenkreisen Fuß zu fassen. Was früher als reaktionär galt und in Altherrenzirkeln oder in einschlägig bekannten Blättern gepflegt wurde, ist plötzlich ein Geheimtip und wird, verpackt in die Junge Freiheit, auf Schulhöfen und in Studentenverbindungen herumgereicht. Für Chefredakteur Dieter Stein, selbst noch keine dreißig Jahre alt, ist das auch die Zielgruppe. Er versteht sich als Apo von rechts und will eine Studentenbewegung à la 1968 auf die Beine bringen, allerdings unter umgekehrten politischen Vorzeichen.

Die Feindbilder werden klar umrissen: der Liberalismus im allgemeinen und die westliche Demokratie im besonderen, oder wie Stein es selbst ausdrückt: „Nations- und Geschichtsvergessenheit, Machtignoranz, antiautoritäres Denken, Pazifismus, Feminismus, Antimilitarismus, Vergangenheitsbewältigung, Westextremismus“. Negativ ist damit auch das definiert, was die Junge Freiheit anstrebt.

Deutschland, so Stein weiter, werde nach wie vor regiert, „als bestünden der Eiserne Vorhang und das Besatzungsstatut noch. Immer noch wurstelt in Bonn eine Regierung vor sich hin, die wie das Schattenkabinett einer alliierten Militärregierung unfähig ist, eine Standortbestimmung für Deutschland vorzunehmen.“ Was die Junge Freiheit dagegensetzt, ist alles andere als originell. Es stammt im wesentlichen von den Vertretern der sogenannten Konservativen Revolution. Dem antidemokratischen Denken der Weimarer Republik wurde nur ein neues, etwas zeitgemäßeres Outfit verpaßt. Aber die Parlamentarismuskritik, die letztlich die Abschaffung der Parteien im Sinn hat, ist geblieben. Carl Schmitt, der sie in aller Deutlichkeit vortrug, ist nicht ohne Grund der meistzitierte Autor in der Jungen Freiheit. Sein Eintreten für den absoluten Staat mit einer souveränen Macht, die „über den Ausnahmezustand verfügt“, macht ihn zum unangreifbaren Säulenheiligen.

Aber außer politischen Radikalkuren, die als konstruktive Demokratiekritik getarnt werden, und der Propagierung eines neuen Elitedenkens hat die Junge Freiheit nichts anzubieten. In die Niederungen konkreter Lösungsmodelle begibt sie sich nicht. Aber in essentiellen Aussagen über Asyl- und Ausländerpolitik, innere Sicherheit, Maastricht-Abkommen und die Militärmacht Deutschland zeigen sich kaum oder nur geringe Gegensätze zu den Republikanern, der NPD und in manchen Fällen sogar zu Gerhard Freys DVU, deren Radau-Extremismus aber ansonsten nur karikiert wird.

Als selbsterklärter „Think Tank“ der Neuen Rechten ist das Blatt in diesem Umfeld entstanden und hat bis heute den Kontakt gehalten. In der Jungen Freiheit fanden die rechtsradikalen Funktionäre Franz Schönhuber, Rolf Schlierer, Martin Mußgnug, Harald Neubauer und Jörg Haider ebenso ihr Forum wie die neurechten „Chefdenker“ Alain de Benoist und Günter Maschke.

Auch die Autorenliste der jüngsten Ausgabe enthält einige rechtsradikale Aktivposten: „Rechte riechen sich“, resümiert Armin Mohler in seinem „Versuch einer Standortbestimmung“ und scheint damit die alte Garde zu meinen, die auch in der angeblich so „jungen“ Freiheit den Ton mitangibt. Denn gleich neben dem Artikel des Republikaner-Vordenkers und Holocaust-Zweiflers würdigt Gustav Sichelschmidt keinen Geringeren als Lessing. Der Literaturwissenschaftler, der vorher schon die Frey-Gazetten mit tümelnden Dichterportraits versah, ist ein erklärter Feind der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur und hat wie Mohler bereits das Pensionsalter erreicht.

Die Präsenz von Autoren aus dem Republikaner-Umfeld ist unübersehbar. Johanna Grund, 1989 für die Republikaner ins Europaparlament eingezogen (und unterdessen nicht mehr in ihrer Partei), räumt die Junge Freiheit sogar jeweils eine ganze Anzeigenseite ein, auf der die einstige Schönhuber-Vertraute über ihre bescheidenen politischen Aktivitäten informiert. Hans-Ulrich Kopp, laut Impressum verantwortlich für Weltpolitik, war Gründungsmitglied des Rep-Hochschulverbandes. Öffentlich zu seiner Vergangenheit als Neonazi hat sich Jürgen Hatzenbichler bekannt, der heute für die Berichterstattung aus Österreich zuständig ist. Er war Mitte der achtziger Jahre Funktionär der Nationalen Front in Kärnten und nahm an Wehrsportübungen teil. Daneben schrieben für die Junge Freiheit als Redakteure und Autoren in den letzten Jahren neben dem Exrepublikanerchef von Berlin und seinem Pressesprecher auch weitere Rep-Funktionäre und ein früherer Vorsitzender des nationaldemokratischen Hochschulbundes.

Eine Distanzierung von eindeutig Rechtsradikalen fand und findet in der Jungen Freiheit nicht statt. Eher schon das Gegenteil. Im letzten Dezember-Heft stimmte der verantwortliche Kulturredakteur des Blattes ein Loblied auf den Chef der größten rechtsradikalen Verlagsgruppe in Deutschland an, auf Gert Sudholt, der vergangenen Sommer in Landsberg hatte einsitzen müssen. Kein Wort über den Grund für die Haft. Sudholt war verurteilt worden, weil er 1987 in den damals von ihm herausgegebenen Deutschen Monatsheften (zu deren Autorenkollegium auch Gustav Sichelschmidt gehörte) einen Artikel des französischen Holocaust-Leugners Robert Faurisson gedruckt hatte. Darin wurde unter anderem der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel als „wichtiger Falschzeuge“ für die Morde in den NS-Vernichtungslagern bezeichnet.

Gewisse Sympathien für die sogenannten „Revisionisten“ scheint es in der Jungen Freiheit-Redaktion zu geben. Bereits 1990 hatte das Blatt unkommentiert David Irving für das Kultbuch der Holocaust-Leugner, den Leuchter-Report, werben lassen. Bis heute werden diese pseudowissenschaftlichen „Forschungen“ nicht a priori abgelehnt. In Wilhelm Stäglichs schon lange verbotenem Machwerk „Der Auschwitz-Mythos“ entdeckte die Junge Freiheit im vergangenen September „interessante juristische Studien über die Strafprozesse um das KZ Auschwitz“. Und selbst dem Amerikaner Fred A. Leuchter wird nur die Überarbeitung seines „fehlerhaften und mit voreiligen Schlüssen versehenen“ Reports empfohlen.

Spätestens in solchen Artikeln wird deutlich, was in der Jungen Freiheit nicht stattfindet: der konservative Aufbruch, den sich die politische Prominenz von Gauweiler bis Mayer-Vorfelder von diesem Blatt erhofft hat. Statt sich zu einem intellektuellen Kampforgan der Unionsrechten zu entwickeln, ist die Junge Freiheit zu einem publizistischen Sammelbecken für alle geworden, die das politische System der Bundesrepublik von der rechten Ecke aus ablehnen.

Den spende- und interviewfreudigen Gönnern aus dem bürgerlichen Lager scheint das nicht bewußt zu sein. Noch immer glauben sie, die Junge Freiheit und damit auch die zumeist jugendlichen Leser in ihrem Sinn beeinflussen zu können. Aber das wird ein Trugschluß bleiben. Denn entkleidet vom alternativen Mäntelchen präsentiert sich die Junge Freiheit als das, was sie immer war: ein rechtsradikales Blättchen, das einen Ritterkreuzträger genauso würdigt wie Botho Strauß. Das altbekannte Gebräu wurde nur in neue Schläuche gefüllt, explosiv ist es geblieben.