Fast zehn Jahre kämpfte Aloys, damals Wirt der Heidelberger Hütte des Deutschen Alpenvereins. Dann hatte er gegen alle Skepsis und den erbitterten Widerstand der meisten seiner Mitbürger, die fürchteten, von der Millioneninvestition für die Seilbahn in den Ruin getrieben zu werden, den Bau einer Schwebegondel von Ischgl hinauf zur vier Kilometer vom Ort entfernten Idalpe durchgesetzt. 1963 beförderte die damals längste Seilbahn ihrer Zeit die ersten Skifahrer hinauf. Schon nach vier Jahren kamen 100 000 Winterurlauber nach Ischgl. Die aus anderen Orten bekannte touristische Wachstumsspirale drehte sich in Ischgl nur viel rasanter als anderswo.

Schon bald waren im Dorf so viele Hotels und Pensionen aus dem Boden geschossen, daß Platzkarten für die Gondel vergeben wurden. Eine zweite Seilbahn mußte her. Im Ostteil Ischgls, dort, wo das Hotel „Madlein“ der Familie Aloys stand und der Seilbahnpionier später das Luxushotel „Elisabeth“ baute, wurde die erste Einseil-Umlaufbahn Österreichs hinauf auf den Pardatschgrat installiert. Jahr für Jahr entstanden 500 neue Gästebetten, wurden neue Hotels und Restaurants im Rekordtempo errichtet. Bereits 1976 hatte Ischgl die höchste Auslastung unter allen Wintersportgebieten in Österreich erreicht. Das Skigebiet wurde mit den Gewinnen der Seilbahngesellschaft (Vorstandsvorsitzender seit 1963: Erwin Aloys) ständig erweitert. Insgesamt neun Hektar Wald fielen bis in die achtziger Jahre immer neuen Lifttrassen zum Opfer.

Als Autoabgase Touristen und Einheimischen immer häufiger die Luft zum Atmen raubten, die Blechlawine Ischgl den letzten Rest des Bergbauerndorfidylls zu nehmen drohte, wurde kurzum eine 600 Autos fassende Parkgarage an den Ortseingang geklotzt, eine Umgehungsstraße um Ischgl herum gelegt. Die stürmische Entwicklung schien unaufhaltsam. Ende der siebziger Jahre setzte Erwin Aloys, längst Bürgermeister und Ehrenbürger Ischgls, seine letzte große Initiative durch: eine grenzüberschreitende Skischaukel mit dem Schweizer Ort Samnaun. Die Folge des unaufhaltsamen Baubooms in Ischgl: Fast jeder Quadratzentimeter Dorffläche ist verbaut. Jene als „Tirolerstil“ bekannt gewordene Architektur aus Holz und viel Beton bestimmt heute das Ortsbild.

Inzwischen kämpfen die Söhne und Töchter der Gründergeneration mit den Folgen der „Goldgräberzeit mit irrsinnigen Gewinnen“ (ein Hotelier). Günther Aloys, der 46jährige Sohn des Seilbahnpioniers, fragt im Schlußkapitel seines Buches über die Ortshistorie nachdenklich: „Ist die Wachstums- und Investitionsgrenze von Ischgl erreicht, sollen wir damit aufhören, die Natur weiter zu belasten, noch mehr Betten, Bahnen, Anlagen zu schaffen und die Berge noch mehr zu erschließen?“ Der Preis des Erfolgs sei die totale Hinwendung zur Monokultur des Tourismus, bekennt er. Mit der Konsequenz, „daß wir nicht mehr in Jahreszeiten denken, sondern nur noch in Vorsaison oder Nachsaison“.

Doch die Ischgler bauen fleißig weiter, im Glauben an immerwährende Wachstumsraten des Tourismus. Allein im vergangenen Sommer bestimmten achtzehn Baukräne das Ortsbild. Zwar entstehen kaum noch neue Hotels. Um jedoch einen immer höheren Hotelkomfort zu bieten, wurden Zimmer modernisiert und ständig noch großzügigere Saunalandschaften, noch luxuriösere Römische Dampfbäder in die Keller gebaut.

Neunzig Prozent aller Einnahmen verdienen die Ischgler mit den Skitouristen. Einige Häuser, wie beispielsweise das „Elisabeth“, öffnen nur im Winter. Sie müssen die teuren Investitionen in fünf Monaten verdienen. Deshalb muß der Winter florieren, koste es, was es wolle. Und der wird in kaum einem Ort so generalstabsmäßig inszeniert wie in Ischgl.

Auch wenn es mit dem natürlichen weißen Untergrund noch mau aussieht, wird die Arena dem Skivolk geöffnet. Dann sorgt halt das technische Equipment für ausreichende Schneebänder auf der Talabfahrt. Die Saison hat pünktlich Anfang Dezember zu beginnen und endet erst mit dem großen Finale am 1. Mai. Zum Ski-Opening am 4. Dezember tanzte das Ballett der Mailänder Scala. Die Manager von Ischgl glauben, den Unterhaltungsansprüchen der modernen Freizeitgesellschaft mit immer neuen Höhepunkten entsprechen zu müssen. Skifahren in einem perfekt erschlossenen Gebiet reicht dazu scheinbar nicht mehr aus. „Viele unserer Gäste kommen zu uns, weil wir ihnen neben dem Skilaufen ein umfassendes Freizeitangebot bieten“, glaubt Tourismusobmann Alfons Parth. Gast Helmut, der mit seiner schnauzbärtigen Clique aus Passau seit zwanzig Jahren im Dezember für eine Woche nach Ischgl kommt, bekennt sich klar zum Motto der Herrenrunde: Zwar seien „viel weniger Mädels als früher allein unterwegs, aber irgendwas geht hier immer“.